Johannes Rau trat 1998 als Ministerpräsident zurück, aber nicht, um in den Ruhestand zu gehen, sondern um im Jahr darauf Bundespräsident zu werden. Bis 2004 hatte er das höchste Staatsamt inne. Er blieb dabei der volksnahe »Bruder Johannes«, ein Spitzname, der – oft spöttisch, manchmal aber auch von ihm selbst verwendet – auf Raus tiefe christliche Spiritualität deutet, die er auch in seinen hohen Ämtern spürbar lebte. Unter dem Motto »Versöhnen statt spalten.« suchte Rau vor allem nach Gemeinsamkeit, nach dem, was die Menschen verbindet. Sein intensiver Einsatz für den christlich-jüdischen Dialog wird honoriert: Rau ist im Jahr 2000 der erste deutsche Staatsmann, der in Jerusalem vor der Knesset, dem israelischen Parlament, sprechen darf.
Zu den Schriften, die der mit zahlreichen Ehrendoktorwürden honorierte Politiker der Nachwelt hinterließ, gehören neben politischen Reden auch spirituelle Texte, insbesondere Aphorismen zu Religion, Glauben und Christentum. Dass Rau über eine gehörige Portion Humor verfügte, ist ebenfalls an einigen seiner Sprüche abzulesen. Auf den Vorschlag, Fußballstadien künftig nach Frauen zu benennen, konterte er: »Wie soll das denn dann heißen? Ernst-Kuzorra-seine-Frau-Stadion?«
Am 27. Januar 2006 verstarb Johannes Rau wenige Tage nach seinem 75. Geburtstag. Er hinterließ eine große Lücke in der deutschen Politik, gerade weil er Gesellschaftskritiker, Parteipolitiker, Staatsmann und Integrationsfigur in einem war. Bruder Johannes Rau.

