Unangepasster Intellektueller
1959 hatte Marti mit seinem zweiten Lyrikband (bis heute das bevorzugte Genre) Republikanische Gedichte für Aufsehen gesorgt, in dem er nachhaltig die Abkehr der Literatur vom Elfenbeinturm forderte: »Christliche Dichtung nicht im Museum, sondern an den Autostraßen.«
Mundartpoesie, Erzählungen, in denen der »kleine Mann« im Vordergrund steht, Liebes- und politische Lyrik und vor allem biblische, in die Gegenwart verpflanzte Sujets (zuletzt in Im Sternzeichen des Esels, 1995) umfasst das Spektrum der Martischen Arbeiten. 2001 legte der Verlag Nagel und Kimche noch einmal die Leichenreden aus dem Jahr 1969 neu auf. Durchaus repräsentativ für Martis Verbindung von Kunst und »aufklärerischer Nächstenliebe« heißt es darin:
als sie mit zwanzig/ ein Kind erwartete/ wurde ihr Heirat/ befohlen./ als sie geheiratet hatte/ wurde ihr Verzicht/ auf alle Studienpläne/ befohlen./ als sie mit dreißig/ noch unternehmungslust zeigte/ wurde ihr dienst im Hause/ befohlen./ als sie mit vierzig/ noch einmal zu leben versuchte/ wurde ihr Anstand und Tugend/ empfohlen./ Als sie mit fünfzig/ verbraucht und enttäuscht war/ zog ihr Mann/ zu einer jüngeren Frau./ Liebe Gemeinde/ wir befehlen zuviel/ wir gehorchen zuviel/ wir leben zu wenig.
Peter Bichsel befand zur Neuauflage der Leichenreden: »Ich staune beim Wiederlesen, wie überraschend neu sie geblieben sind.« Marti gehörte als überaus engagierter Zeitgenosse auch zu den Gründern der entwicklungspolitischen Organisation Erklärung von Bern und hat mit seinen 252 philosophisch-literarischen Kolumnen aus über vierzig Jahren in der Zeitschrift Reformatio das Zeitgeschehen pointiert kommentiert. Diese sind 2010 im Sammelband Notizen und Details erschienen. Dafür erhielt der Pfarrer-Poet auch den Literaturpreis des Kantons Bern.
Kurt Marti, der heute in Bern seinen 90. Geburtstag begeht und der Georg Trakl und Arno Schmidt als seine bevorzugten Autoren bezeichnet, steht als unangepasster intellektueller Querdenker in der Tradition seiner verstorbenen, ungleich populäreren Zeitgenossen Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt.

