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Raoul Hausmann zum 40. Todestag

01.02.2011

Nebenbei Ursonatenurtext

Für Raoul Hausmann (1886-1971) bezeichnete Zürich die Episode des »vorsichtigen Dada«, die nicht mehr an der Zeit war: Er wollte die »Unannehmlichkeiten einer freien, unabhängigen Geste« auf sich nehmen. Seinerzeit konnte man sich als Künstler nach einer solchen Ansage noch auf eine gehörige Resonanz des Publikums gefasst machen. Von TOBIAS ROTH

 

Richard Hülsenbeck berichtet von einer Tournee nach Prag im März 1920:

 

In Prag sind nun die Verhältnisse etwas eigentümlich. Es waren uns von allen Seiten Schlägereien angedroht. (...) Auf den Redaktionen zeigte man uns zuvorkommend die Revolver, mit denen man am 1. März abends unter Umständen auf uns zu schießen gedachte.

 

Als der Abend dann kam, hatte Johannes Baader, seineszeichens immerhin der »Vorsitzende der Menschheit« »im Sattel des weißen Pferdes DADA«, Reißaus genommen. Es blieben nur Hülsenbeck und Hausmann.

 

Die Lage so ungünstig, wie sie nur sein konnte – zum Podium (einer künstlich aus Brettern aufgeschlagenen Erhöhung) nur Zugang durch das dicht massierte Publikum – Baader, mit der Hälfte der Manuskripte auf der Flucht. Jetzt galt’s. Hic Rhodus! Meine Verehrtesten, mit Hilfe Gottes und unserer Routine wurde der 1. März in Prag ein großer Sieg für Dada.

 

Die grandiose Vorstellung und die grandiose Vorstellung! Dieser große Sieg wurde von zwei besonderen Exponenten errungen. Hülsenbeck: der Botschafter aus Zürich und wenn Dada groß ist in Berlin durchaus sein Prophet. Und Hausmann: 1919 Schöpfer des durchschlagenden und noch heute beängstigend im Raum präsenten Mechanischen Kopfes, geehrt mit dem Titel des Dadasophen, längst nicht mehr an Gattungsgrenzen gebunden, Messeveranstalter, neben Hugo Ball eine der Nilquellen des Lautgedichts, Vorreiter der Collage (dieser unmittelbaren Reaktion auf die in allen Aspekten zerfetzte Welt) alltätig. In tausend Formen mag er sich verstecken: Allmanigfaltiger, Allherzerweiternder, Allbelehrender, wohl erkennen wir ihn.

 

Ein Jahr nach dem Sieg des 1. März fuhr Hausmann wieder nach Prag, diesmal mit Hannah Höch, Kurt Schwitters und dessen Frau. Beim Auftritt 1921 kam es zu keinen Krawallen, wie es aus den Quellen scheint, aber zu einer Befruchtung: Schwitters empfing den Samen eines seiner berühmtesten Gedichte in die gespreizten Furchen und das heiße Merzwetter seines Hirnes. (Schließlich an dauernder Popularität vielleicht nur noch von der Anna Blume übertroffen, zu der Schwitters bekanntlich und mit einem weiten Intertextualitätsbegriff von Max Herre, einem der äußerst schlechten Rapper deutscher Zunge, angeregt wurde.) Hausmann hatte in Prag phonetische Plakatgedichte vorgetragen, die bereits 1918 entstanden waren. Eines (das Blatt wird heute im Centre Pompidou aufbewahrt) beginnt mit den Zeilen:

 

fmsbwtözäu
pggiv -_? mü

 

Dieser Vers wird in den einschlägigen Kommentaren als die Urzelle des Urtextes der Ursonate genannt, die bis zur Fassung von 1926 (d.i. im Grunde die bekannte Druckfassung von 1932) noch geradewegs Porträt Hausmann hieß. Aber es ist nicht dieser Vers allein; und zudem zitiert die recht neue, fünfbändige Schwitters-Werkausgabe von Friedhelm Lach Hausmanns Vers fälschlicherweise als »fmsbwtäzäu«. Wo kommen wir denn da hin!

 

Das Thema des Kopfsatzes der Ursonate, unglaublich eingängig und unvergesslich, sobald man es einmal einige Zeit laut vor sich hin gesprochen hat, sei hier noch mal ins Gedächtnis gerufen:

 

Fümms bö wö tää zää Uu,
pögiff,
kwii Ee.

 

Um den Einfluss Raoul Hausmanns auf dieses Gedicht genau zu bestimmen, ist noch ein weiteres Plakatgedicht heranzuziehen, das heute in der Sammlung der Berlinischen Galerie lagert. Es stammt ebenfalls aus dem Jahr 1918 und man wird davon ausgehen können, dass es ebenfalls 1921 in Prag vorgetragen wurde:

 

OFFEAHBDC
BDQH,,qjyE!

 

Damit ist Schwitters’ Thema vollständig. (Der Dadaismus genießt m.W. wie keine andere Epoche das Privileg, vollständig vom akademischen Betrieb ignoriert und von keiner literaturhistorischen Vorlesung mit mehr als zwei bis viereinhalb Sätzen erwähnt zu werden. Warum das so ist, kann ich nicht nachvollziehen, ich würde es aber jederzeit als einen Kraftbeweis des Dadaismus interpretieren. Im Ganzen ignoriert werden, darf er aber denkbar nicht, und dass er sich im Ganzen auch nicht gewisser philologischer Zugriffe sperrt, konnte ich hoffentlich gerade zeigen; und an seinem Prüfstein auch, dass die Literaturwissenschaft gut daran tut, schlichtweg Literaturgeschichte zu sein, je kleiner desto besser.)

 

Keine Avantgarde im Anschluss an den Dadaismus schien ohne Verbissenheit und Kühle soweit gekommen zu sein. Dada schien als die Kunst, die am wenigsten traditionsfähig war, sein wollte, ist: nicht zuletzt, weil er all das verneinte, aber nicht vergaß, das Gegenteil stürmisch zu bejahen. „Wo bist du? Wo bist du? Mein geliebtes Land!“ will man mit Schuberts Lied schluchzen: aber es darf ja nicht sein. Viele nehmen Dada für sich in Anspruch, viele werden so etikettiert, wenn Erklärungssprache und Einordnung keinen Ausweg mehr Wissen. Im Dadaistischen Manifest, einem Flugblatt von 1918, das natürlich auch Hausmann unterzeichnete, heißt es:

 

Ein Gewebe zerreißt sich unter der Hand, man sagt ja zu einem Leben, das durch Verneinung höher will. Jasagen – Neinsagen: das gewaltige Hokuspokus des Daseins beschwingt die Nerven des echten Dadaisten – so liegt er, so jagt er, so radelt er – halb Pantagruel, halb Franziskus und lacht und lacht.

 

Mit einem solchen Elsterngleichnis eröffnet auch Wolframs Epos von der Gralssuche: das ist gerade nicht das allseits depperte »jein«.

 

Wahrlich, mehr noch, in diesen beschwingten Nerven ist Dada heute der stärkste, der letzte Festungsring, den man sich um ein bedrängtes Hirn legen kann: er hält auch in den Momenten, wenn die vorderen Linien etwa von Weimarer Klassik oder Venezianischer Renaissance dem Ansturm der Kulturindustrieberserker unterlegen sind und selbst Montaigne vor dem Entsetzlichen die Waffen streckt. Denn Dada ist kein Nonsens: diese Kunst so abzuwerten und rhetorisch totzuschlagen, hieße den Boten strafen. Wenn auch die Nachricht nicht zu den Schlechtesten gehört. Gerade in diesem Zusammenhang: Lasst uns auch Walter Serner nicht vergessen, der vor gut zwei Wochen einen weiteren Geburtstag gefeiert hätte, und fleißig seine Letzte Lockerung studieren; da ist die Weltklugheit vielleicht zum letzten Mal aufgetreten, da ist unser Baldassare Castiglione und unser Baltasar Gracián. Hic salta!


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