Beredtes Schweigen, verschwiegene Gefühle
Niemand spricht mit Amador, der seine letzten Tage damit zubringt, tausendteilige Puzzles zusammen zu legen. Mit niemandem spricht Marcela. Wenn sie redet, dann mit sich selbst. Zuerst inszeniert sie die tragisch-komischen Phantasie-Gespräche während der Hausarbeit, damit Amador glaubt, ihr Freund rufe Marcela an. Nelson indes hat längst eine andere, und Marcela spielt die Gespräche den Nachbarn vor, damit niemand merkt, dass Amador keine Pflegerin mehr braucht. Um ihr Einkommen nicht zu verlieren, verschweigt Marcela Amadors Tod.
Ein Hauch von magischem Realismus begleitet die einfühlsamen menschlichen Zwischentöne, die das komisch-traurige Figurenspiel zu einer Filmperle machen. Eine Perle Ewigkeit ist der deutsche Verleihtitel des peruanischen Dramas La Teta Asustada. Ihr eindringliches Charakterporträt darin gewann der Hauptdarstellerin Magaly Solier auf der Berlinale 2009 den Goldenen Bären. Ihr zurückgenommenes Spiel trägt über kleine Längen in der Handlung hinweg. Die Straßen des sommerlichen Madrid schimmern abweisend und diesig, wenn der Blick der Protagonisten und der Kamera darüber gleitet. So kühl gibt sich die Stadt, dass in brütender Sommerhitze Amadors Leichnam wochenlang nicht verwest. Mit subtiler Ironie deutet das unscheinbare Drama eine übersinnliche Erklärung dafür an.
Eines der Teile von Amadors Puzzle findet Marcela in seiner erstarrten Hand. Warum ein Bild zerstört werden muss, um es wieder zusammenzufügen, fragt Marcela. Die Puzzles und die Rosen, deren Blüten zerstört werden, um daraus Blumen-Duftspray herzustellen, symbolisieren das falsche und richtige Zusammenfügen im Leben. Ihre Verantwortung sei es, jedes Teil an seinen richtigen Platz zu fügen, erklärt der Sterbende. Ein zerschnittenes Bild ist auch Marcelas Leben, mit einem ungewollten Kind, einem untreuen Freund und einer unsicheren Zukunft. Doch sie wird sich ihren eigenen Platz suchen.
