BERLINALE Forum - Made in Poland
05.02.2011
Noch ist Polen nicht verloren
Oder vielleicht doch? Der junge Bogus (Piotr Wawer, Jr.) ist fest davon überzeugt, dass sein Heimatland längst vor die Hunde gegangen ist. Die Zeit ist reif für eine Revolution. Nur interessiert Bogus Aufruf zu seinem Unglück niemanden. Mag der Anti-Held von Przemyslaw Wojcieszeks Anarcho-Drama auch Behinderte aus dem Rollstuhl schmeißen und nächtliche Ruhestörung veranstalten, keinen kann er wütend genug zum Aufbegehren machen. Von LIDA BACH
Der Hauptcharakter ist ein Jugendlicher, für den die Beschreibung »angry young man« ein Euphemismus wäre. Doch die Gesellschaft Made in Poland krankt in dem osteuropäischen Beitrag zum Berlinale-Forum zwischen Groteske und Experimentalfilm nicht an Aggressivität, sondern Lethargie. Schuld sind laut Bogus die Huren. Nein, nicht die Frauen (und Kinder), die deutsche Sextouristen gern im Nachbarland besuchen. Bogus Zorn richtet sich gegen die politischen, bürgerlichen und wirtschaftlichen Huren: bestechliche Politiker, korrupte Beamte, gleichgültige Angestellte, die sich vom System ausbeuten lassen. Dem System hat der hitzköpfige Skinhead den Kampf angesagt. Seine Waffe ist der klassische Baseballschläger. Autoscheiben sind Bogus Lieblingsziel. Wer Made in Poland gesehen hat, wird seinen Wagen wohl nicht so schnell jenseits der Grenze parken.
Die Titel der vergangenen Filme des Independent-Filmemachers legen nahe, dass in ihm ähnliche Emotionen brodelten wie in seinem Hauptcharakter: Kill´em all, Louder than Bombs, A Perfect Afternoon (vermutlich mit etwas, dass lauter als Bomben ist und alle tötet). Wenn dem so ist, hat der Regisseur, der mit Made in Poland sein gleichnamiges Theaterstück für das Kino adaptierte, umzudenken gelernt. Wojcieszek haut nicht drauf, er hält drauf: die Handkamera. Um deren raue Optik führt nach Wojcieszeks Kommentar scheinbar kein Weg herum, soll ein Film in Polen die Zensur umgehen.
»Well you can twist and shout let it all hang out / But you won´t fool the children of the revolution« (T-Rex)
In sachlichen schwarz-weiß Aufnahmen drehte Wojcieszek die Realszenen seines kalkuliert unsachlich auftretenden Films. Schwarz-weiß ist die Weltsicht fast aller Protagonisten, sei es im Guten oder Schlechten. Der schmierige Pate der dreiköpfigen Plattenbau-Mafiosi ist in seiner Skrupellosigkeit so unverrückbar wie in seiner Verehrung für den Sänger Krzystof Krawczyk, für den auch Bogus Mutter schwärmt. Krawczyks Platten sind in Polen verboten. Zwischentöne wie diese verraten, dass Made in Poland weit sozialkritischer und hintergründiger ist, als es ein oberflächlicher Blick vermuten lässt.
Bogus krallt sich an seine Revolution, ohne eine konkrete Vorstellung davon zu haben. »Wir können Großes erreichen«, prophezeit er einem potentiellen Mitstreiter. Was das ist, erklärt er nicht. Unter Bogus Gewalttätigkeit verbirgt sich ein haltloser kleiner Junge, der verzweifelt nach einer Leitfigur sucht. »Du bist mein Mentor«, sagt er einem alkoholabhängigen suspendierten Lehrer. Der Prototyp des weisen Clochards zeigt Bogus einen besseren Führer als er es sein könnte, einen Führer in die Welt der Literatur. Buch und Lehrer begleiten Bogus durch den Rest der Handlung, die im Schoß der Kirche endet. Religiös-verbrämt endet die kantige Groteske Made in Poland jedoch nicht. Der Schlusstitel stellt klar, dass vor dem bitteren Ende manchmal einfach Schluss sein muss: »The Apokalypse will not be televised.«

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