BERLINALE Forum - Folge mir
06.02.2011
Grauer Hafen Heimat
Im Berlinale Forum stellt der Wiener Filmemacher und Produzent Johannes Hammel sein Filmdebüt vor. »Bonjour Tristesse«, sagte LIDA BACH zu den bitter-authentischen Bildern einer Jugend.
Vielleicht waren die Siebziger in Saturday Night Fever, Annie Hall und Fritz The Cat wild, befreit und schillernd. Im Basel der siebziger Jahre sind sie spießig, zwanghaft und eintönig. Folge mir fordert der Titel, doch einladend erscheint die Welt in Johannes Hammels Drama nicht. Die Kindheit, die in dem autobiografisch geprägten Familienporträt aufersteht, ist nicht schwarz-weiß, sondern grau. Folge mir steht auf dem christlichen Schulbuch, das den jungen Hauptcharakter durch seine strenge Schulzeit begleitet. Stattdessen verfolgt das religiöse Lehrwerk ihn. Bis die Heiligenfiguren brennen.
Mit seinem älteren Bruder und den Eltern lebt der Grundschüler in einem der abweisenden Betonklötze am Hafen. Fernweh und Abenteuerfantasien wecken die Schiffe nicht. Sie dümpeln im trüben Brackwasser wie die Menschen in der öden Vorstadtwelt. Latte Macchiato ist hier etwas unerhört Neues, ein Kurzhaarschnitt bei einer Frau eine freche Modemutprobe. Dass die labile Mutter an ihrem Leben und ihrer psychischen Krankheit zerbricht, können weder Tabletten noch das kollektive Verdrängen ihres Umfelds abwenden. Eine neue Frisur hilft nicht aus der Paranoia, die angesichts des Asphaltgefängnisses auch den Zuschauer bedrückt.
Kindheit in der Steinwüste
In die erstickende Enge bringen nur verwackelte Handkameraaufnahmen Farbe. Fröhlich geht es bei den Familienszenen nicht zu. Ob er schon eine kleine Freundin habe, möchte die Großmutter vom beschämten Enkel wissen. Wenn die Erwachsenen sich amüsieren, haben die Kinder nichts zu lachen. Die Videobilder zeigen den Gipfel aller kindlichen Horrorerlebnisse: auf der Blockflöte vorspielen, nachdem die Mutter vor den geladenen Gästen verkündet hat, wie wundervoll der Sohn musiziert. Vermutlich wurde die Blockflöte nur erfunden, um Kinder mit unmöglichen Fingerübungen auf einem Instrument zu quälen, das niemand so richtig ernst nimmt.
Tragisch-komisch sind solche Szenen. Hammel versteht es, hinter den unscheinbaren Alltagsmomenten eine skurrile Komik aufblitzen zu lassen. Die letzten Lametta-Reste zittern verzweifelt, als der Vater den ausgedienten Weihnachtsbaum mit meterweise Klebeband zum tragbaren Paket verschnürt. Die Mülltonnen vor dem Haus erinnern an einen Nadelbaum-Friedhof. Zum Abschied erhält die Weihnachtsruine einen Tritt. Und den Menschen ein Wohlgefallen.
Doch die Schatten, welche die düsteren Momente auf die versteckte Komik werfen, verdunkeln die traurig-wahre Kindheitsgeschichte. Die Mutter der beiden Jungen verirrt sich immer mehr in ihrer psychischen Erkrankung. Bizarre Gestalten begegnen ihr auf der Straße: vielleicht Abbilder realen Elends, vielleicht Wahngespenster, die sie weiter in die Welt des Irrsinns führen. Ob die farbigen Videoaufnahmen authentisch oder gestellt sind, verrät Hammel nicht. Die Einbildung lässt die Realität bröckeln. Leid tut es einem um diese Realität nicht.
Folge mir sei kein pessimistischer Film, erklärt Johannes Hammel, der selbst im Basel der Siebziger Jahre aufwuchs. Stets sei eine Hoffnung spürbar. Doch selbst die erscheint in dem bedrückenden Grau.

Titelangaben:Folge mir
Österreich 2010
Produktion: Hammelfilm, Wien.
Regie, Drehbuch, Schnitt, Produzent: Johannes Hammel
Kamera: Johannes Hammel, Joerg
Burger
Ausstattung: Andrea Schratzberger
Kostüm: Alfred Mayerhofer
Maske: Daniela Schibalsky
Ton: Gailute Miksyte
Musik: Heinz Ditsch
Sound Design: Nils Kirchhoff Regieassistenz: Johannes Holzhausen
Aufnahmeleitung: Maria Kracikova Produktionsleitung: Hanne Lassl
Darsteller: Daniela Holtz (Frau Blumenthal), Roland Jaeger (Herr Blumenthal), Charlotte Ullrich (die andere Frau Blumenthal), Simon Jung (Pius),
Karl Fischer (Religionslehrer Denoth), Oskar Fischer (Roman)
Format: 35mm, Cinemascope, Schwarzweiß und Farbe
Länge: 109 Minuten, 25 Bilder/Sekunde
Sprache: Deutsch
Uraufführung: 28. Oktober 2010, Viennale, Wien Mitreden:| artikel weiterempfehlen| mail an den rezensenten / die redaktion
Weitere Beiträge:| Ecce Homo. Un Portrait de Célestin Deliège. Un film de Guy-Marc Hinant & Dominique Lohlé. | Abel Gance: Napoleon/Austerlitz. Glanz einer Kaiserkrone| Polizeiruf 110: Bullenklatschen (MDR), 20. Mai| FUCK YOU. Fucking Noise in China now! A film by Guy-Marc Hinant & Dominique Lohlé| Polzeiruf 110 (BR) - Schuld (29. April)| Peter Weiß: Filme| Polizeiruf 110 (RBB) - Die Gurkenkönigin (15.04.2012)| Die singende Stadt. Calixto Bieitos Parsifal entsteht| Shadows in Paradise. Hitler´s Exiles in Hollywood| Leos Janácek: Vec Makropulos
|
Unser Lieblingssufi live!!
06.06. Aachen, Musikbunker 07.06. Hannover, Musiktheater Bad 19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich 20.06. Berlin, Gretchen 21.06. Leipzig, UT Connewitz 22.06. ...
»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«
Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...
Feier der Tonalität
Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...
Elektronische Findlinge
Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...
Augenblicke des »alten Europa«
Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.
Von WOLFRAM SCHÜTTE
Gegen die Dominanz des Beliebten
Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...
Galgenmännchen auf Finnisch
Freiheitsdrang und Träume können riskant sein. Wie riskant, muss der 12jährige Taifun erfahren, der zu seinem eigenen Besten in eine besondere Schule geschickt wird, dem Haus der ...
Kind sein, der moderne Vollzeitjob
Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Das Leben ist nicht Wünschdirwas
Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL
Garten Eden vor der Haustüre
Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...
|