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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:21

BERLINALE Forum - Folge mir

06.02.2011

Grauer Hafen Heimat

Im Berlinale Forum stellt der Wiener Filmemacher und Produzent Johannes Hammel sein Filmdebüt vor. »Bonjour Tristesse«, sagte LIDA BACH zu den bitter-authentischen Bildern einer Jugend.

 

Vielleicht waren die Siebziger in Saturday Night Fever, Annie Hall und Fritz The Cat wild, befreit und schillernd. Im Basel der siebziger Jahre sind sie spießig, zwanghaft und eintönig. Folge mir fordert der Titel, doch einladend erscheint die Welt in Johannes Hammels Drama nicht. Die Kindheit, die in dem autobiografisch geprägten Familienporträt aufersteht, ist nicht schwarz-weiß, sondern grau. Folge mir steht auf dem christlichen Schulbuch, das den jungen Hauptcharakter durch seine strenge Schulzeit begleitet. Stattdessen verfolgt das religiöse Lehrwerk ihn. Bis die Heiligenfiguren brennen.

 

Mit seinem älteren Bruder und den Eltern lebt der Grundschüler in einem der abweisenden Betonklötze am Hafen. Fernweh und Abenteuerfantasien wecken die Schiffe nicht. Sie dümpeln im trüben Brackwasser wie die Menschen in der öden Vorstadtwelt. Latte Macchiato ist hier etwas unerhört Neues, ein Kurzhaarschnitt bei einer Frau eine freche Modemutprobe. Dass die labile Mutter an ihrem Leben und ihrer psychischen Krankheit zerbricht, können weder Tabletten noch das kollektive Verdrängen ihres Umfelds abwenden. Eine neue Frisur hilft nicht aus der Paranoia, die angesichts des Asphaltgefängnisses auch den Zuschauer bedrückt.

 

Kindheit in der Steinwüste

In die erstickende Enge bringen nur verwackelte Handkameraaufnahmen Farbe. Fröhlich geht es bei den Familienszenen nicht zu. Ob er schon eine kleine Freundin habe, möchte die Großmutter vom beschämten Enkel wissen. Wenn die Erwachsenen sich amüsieren, haben die Kinder nichts zu lachen. Die Videobilder zeigen den Gipfel aller kindlichen Horrorerlebnisse: auf der Blockflöte vorspielen, nachdem die Mutter vor den geladenen Gästen verkündet hat, wie wundervoll der Sohn musiziert. Vermutlich wurde die Blockflöte nur erfunden, um Kinder mit unmöglichen Fingerübungen auf einem Instrument zu quälen, das niemand so richtig ernst nimmt.

 

Tragisch-komisch sind solche Szenen. Hammel versteht es, hinter den unscheinbaren Alltagsmomenten eine skurrile Komik aufblitzen zu lassen. Die letzten Lametta-Reste zittern verzweifelt, als der Vater den ausgedienten Weihnachtsbaum mit meterweise Klebeband zum tragbaren Paket verschnürt. Die Mülltonnen vor dem Haus erinnern an einen Nadelbaum-Friedhof. Zum Abschied erhält die Weihnachtsruine einen Tritt. Und den Menschen ein Wohlgefallen.

 

Doch die Schatten, welche die düsteren Momente auf die versteckte Komik werfen, verdunkeln die traurig-wahre Kindheitsgeschichte. Die Mutter der beiden Jungen verirrt sich immer mehr in ihrer psychischen Erkrankung. Bizarre Gestalten begegnen ihr auf der Straße: vielleicht Abbilder realen Elends, vielleicht Wahngespenster, die sie weiter in die Welt des Irrsinns führen. Ob die farbigen Videoaufnahmen authentisch oder gestellt sind, verrät Hammel nicht. Die Einbildung lässt die Realität bröckeln. Leid tut es einem um diese Realität nicht.

 

Folge mir sei kein pessimistischer Film, erklärt Johannes Hammel, der selbst im Basel der Siebziger Jahre aufwuchs. Stets sei eine Hoffnung spürbar. Doch selbst die erscheint in dem bedrückenden Grau.

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

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