Luca de Santis / Sara Colaone: Insel der Männer
17.02.2011
Ausgeschlossene Gesellschaft
Mit der Internierung von rund 300 homosexuellen Italienern auf der italienischen Insel San Domino in den 30er- und 40er Jahren behandelt Insel der Männer ein Thema, das in Geschichtsbüchern eher als Randnotiz auftaucht – und hält somit ein Plädoyer gegen das Vergessen. Von CHRISTIAN NEUBERT
Nach seinem Marsch auf Rom konnte Mussolini im Jahre 1922 in Italien die Macht an sich reißen. Drei Jahre später wurde die Partito Nazionale Fascista zur Einheitspartei erhoben und bald alles verfolgt und verboten, was dem Regime zuwider war. Auf eines jedoch wurde verzichtet: au einen Paragraphen, der die Verfolgung von Homosexuellen rechtfertigt. Denn "zum Glück und Stolze Italiens", so der Duce im Jahre 1930, existiere »diese Abnormität in unserem Lande nicht«. Wer dennoch auffällig geworden war, wurde nach willkürlichen Beschlüssen unter Hausarrest gestellt.
Als in Italien ab 1936 schließlich Rassengesetze nach deutschem Vorbild etabliert wurden – und um der Losung Mussolinis gerecht zu werden, dass es in Italien nur »echte Männer« gebe –, stand für Schwule aber auch Verbannung an. Sie wurden auf die Tremiti-Insel San Domino verfrachtet. Was heute ein beliebtes Urlaubsziel ist, war bis vor wenigen Jahren noch ein Ort schmerzhafter Erinnerungen – mittlerweile dürfte von den damals Abgeschobenen wohl keiner mehr leben.
Abgeschoben und totgeschwiegen
Angesichts der großen Gräueltaten des europäischen Faschismus der dreißiger und vierziger Jahre taucht die Internierung von insgesamt rund 300 italienischen Homosexuellen in den Geschichtsbüchern eher als Randnotiz auf. Doch dies relativiert natürlich nicht die persönlichen Schicksale der Betroffenen. Dies gilt auch für die Tatsache, dass die Bedingungen auf der Insel keineswegs den Umständen deutscher Konzentrationslager entsprachen, sondern eher einem offenen Vollzug glichen, wo die Gefangenen trotz ständiger Überwachung Neuankömmlinge mit Blumen begrüßen und hin und wieder bescheidene Feste feiern konnten.
Diese Erfahrung machen auch Rocco und Nico, zwei Dokumentarfilmer, die im Jahr 1987 einen Beitrag über den Schneider Antonio Angelicola, genannt Ninella, drehen wollen. Dieser wurde 1938, nachdem er auf der Suche nach sexuellen Kontakten einem Spitzel auffällig geworden ist, aufgrund des Nachweises von »passiver Sodomie« nach San Domino abgeschoben. Die jungen Filmemacher begegnen Ninella allzu leichtfertig und übersehen bei ihrer Arbeit, dass die Rückkehr auf die Insel für den Schneider eine schmerzvolle Aufarbeitung bedeutet, die ihm entsprechend schwer fällt. So ist das Arbeitsverhältnis der drei von vornherein durch Distanz und Kühle geprägt.
Dadurch, dass die Geschichte auf zwei Erzählebenen transportiert wird – die von Ninellas Rückbesinnung und die der Dreharbeiten – thematisiert der Comic entsprechend neben dem Leid der Betroffenen auch das über die Jahre fortschreitende Vergessen der nachfolgenden Generationen. Dies ist es auch, was es für Ninella, der hier stellvertretend für alle, die sein Los geteilt haben, in den Fokus gerückt wird, so schwer macht: Er kann sein von den anderen ignoriertes Schicksal eben nicht vergessen. Zwar wird einem als Leser nach und nach klar, dass auch die beiden jungen Dokumentarfilmer durch ihre Arbeit ein eigenes Erlebnis von Ungerechtigkeit und Homosexualität aufarbeiten wollen, aber diese Hürde wird lange Zeit zwischen ihnen und einer fruchtbaren Zusammenarbeit stehen.
Eine leise Geschichte aus einer lauten Zeit
Insel der Männer erzählt dieses Stück europäischer Geschichte in leisen Tönen, denen reduzierte Bilder in harten, kantigen Strichen entsprechen. Die Zeichnungen liefern auf diese Weise ein ständiges Indiz dafür, dass man sich von Ninellas vermeintlicher Ruhe nicht täuschen lassen soll. Immer wieder bricht das dunkle Erbe seiner Vergangenheit aus ihm hervor – die Insel, die einem manchmal trotz allem als Ort der Idylle vorkommt, hat schwere Schatten auf die Seelen der Abgeschobenen geworfen. Der Einsatz der Farbe Ocker innerhalb der schwarz-weißen Bilder kann entsprechend auch nicht das Dargestellte aufhellen, sondern liegt wie ein schwermütiger Schleier auf den Mienen der Protagonisten.
Der Autor hat es zum Glück vermieden, seine Hauptfigur in einer bloßen Opfer- oder gar Märtyrerrolle zu inszenieren. Natürlich haben Ninella und seine Mithäftlinge Ungerechtigkeit erfahren, aber die Grundhaltung des Comics ist niemals einseitig oder ausschließlich anklagend. Der Zeigefinger muss eben nicht permanent erhoben bleiben, um Geschichte zum eindringlichen Erzählstoff umzumodeln. Dies hebt den Comic auf eine Ebene, die nicht mit irgendwie gefärbten zeitgeschichtlichen Belangen hausieren zu gehen braucht, um ihre Qualität zu erlangen.
Die vorbildliche Edition des Bandes, inklusive einem neunseitigen Essay von Andreas C. Knigge, wird dem bemerkenswerten Werk übrigens mehr als gerecht.

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