Vor 30 Jahren wird General Wojciech Jaruzelski polnischer Ministerpräsident
11.02.2011
Der Schokoladendieb
Als neunjähriger Junge war ich ziemlich sauer auf ihn. Da mussten wir nämlich unsere Weihnachtsschokolade nach Polen schicken, weil dort am 13. Dezember 1981 ein Mann, dessen Name sehr fremd klang und den ich mir nicht merken konnte, das Kriegsrecht verhängt hatte. Was das genau bedeutete, wusste ich nicht. Doch man hatte uns erzählt, dass die Menschen in Polen sehr darunter litten. Vor allem die Kinder. Die hatten nämlich keine Schokolade, so wie wir. Ich stellte mir den Mann vor, wie er mit seinem Gefolge durch das Land zog, um den Kindern ihre Schokolade wegzunehmen. Und warf meine schweren Herzens in den Wäschekorb, der neben der Krippe in unserer Kirche aufgestellt war. Von JOSEF BORDAT
Heute weiß ich, dass die Sache mit der Schokolade vielleicht nicht das größte Problem des Kriegszustands in Polen war. Und ich weiß, wie der Mann heißt, der ihn herbeiführte: Wojciech Witold Jaruzelski. Heute vor 30 Jahren, am 11. Februar 1981, wurde General Jaruzelski Ministerpräsident Polens. Als solcher beendete er – zumindest äußerlich – den Protest gegen die wirtschaftliche Misere des Landes, der sich immer weiter ausgebreitet hatte. Bei unseren östlichen Nachbarn hatte sich im Herbst 1980 eine freie Gewerkschaft gebildet, die Solidarnosc unter der Führung des späteren Friedensnobelpreisträgers (1983) und polnischen Ministerpräsidenten (1990-95) Lech Walesa. Sie wurde kraft Kriegsrecht verboten und jahrelang gewaltsam unterdrückt, ehe sie 1989 auch offiziell zur tragenden politischen Größe in Polen wurde.
Aus einem Streik von Werftarbeitern entstanden, dessen Ursache die Entlassung einer Kranführerin war, wurde sie zu einer breiten Bewegung gegen die herrschenden politischen und ökonomischen Verhältnisse in Polen, getragen von Arbeitern, denen sich regimekritische Intellektuelle zur Seite stellten. Unterstützt wurde sie von der katholischen Kirche, die in Polen eine wichtige gesellschaftliche Rolle spielt. Nicht nur die Gemeinden an der Basis, nicht nur der 2010 selig gesprochene Arbeiterpriester Jerzy Popieluszko, auch der polnische Episkopat stand hinter der Solidarnosc. Das wirkte sich bis zu meiner Schokolade aus: Józef Kardinal Glemp, der damalige Erzbischof von Warschau und Primas von Polen, hatte gute Beziehungen zu unserer Gemeinde bzw. umgekehrt, was die Grundlage war für die LKWs mit Hilfsgütern, die damals vom Niederrhein nach Osten rollten und (nicht nur) Schokolade brachten.
September 2008: Jaruzelski vor Gericht
Leiter einer verbrecherischen Organisation
Kirchliche Unterstützung erhielt Solidarnosc aber auch von höchster Stelle. Karol Józef Wojtyla, seit 1978 als Johannes Paul II. im Amt des Petrusnachfolgers, sorgte dafür, dass die nötigen Finanzspritzen aus den USA und der Bundesrepublik durch finanzielle Hilfe des Vatikan ergänzt wurden. Doch am wichtigsten war die ideelle Hilfe. Der gläubige Katholik Walesa hat später einmal zu Protokoll gegeben, das die Solidarität des »polnischen Papstes« mit seiner Heimat die Bewegung Solidarnosc getragen habe: »Der Heilige Vater hat uns gesagt, dass wir keine Angst zu haben brauchen.«
Doch es waren trotz allem sehr schwierige Jahre für Polen, bis zur Wende im Sommer 1989. Unter dem Diktat von General Jaruzelski, der noch bis 1985 Ministerpräsident und danach bis 1990 Polens Staatsoberhaupt war, baute das Land vor allem wirtschaftlich immer mehr ab. Insoweit ist das mit der Vorstellung, Jaruzelski und Co. hätten die Kinder Polens um ihre Schokolade gebracht, gar nicht so falsch. Seit September 2008 wird dem hochbetagten Jaruzelski (Jahrgang 1923) vor einem Gericht in Warschau der Prozess gemacht, wegen »kommunistischer Verbrechen«, »Kriegsrechtsverbrechen« und der »Leitung einer verbrecherischen Organisation«. Gemeint ist die polnische Regierung der 1980er Jahre.

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