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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:34

BERLINALE Wettbewerb - Margin Call

16.02.2011

Die Firma

Die Maschinerie läuft wie geschmiert, geölt von den menschlichen Ressourcen in ihrem Inneren. Ein namenloser Konzernriese, dessen Adern Flure und dessen Zellen Büroräume sind. Darin brennt die Energie eines menschlichen Geistes, der koordiniert, kalkuliert, kontrolliert – bis er irgendwann einen Fehler findet. Ein winziger Stein, der ins Rollen gerät, und nach dem Schneeballsystem zu einer Lawine wächst, die den ganzen Konzern in den Abgrund reißen kann. Von LIDA BACH

 

Der junge Angestellte Peter Sullivan (Zachary Quinto) ist derjenige in Margin Call, der dem Fehler im System seiner Firma auf die Spur kommt. Eine Unstimmigkeit, der bereits sein Mentor Eric Dale (Stanley Tucci) nachforschte, bevor er überstürzt gekündigt wurde. Sullivan gibt den Bericht, der einer finanziellen Katastrophenmeldung für die Landeswirtschaft gleichkommt, an seinen Vorgesetzten Emerson (Paul Bettany) weiter. Während der führende Analyst Sam Rogers (Kevin Spacey) entscheiden muss, ob er die Partnerunternehmen oder den eigenen Konzern opfert, steht der Firmenleiter (Jeremy Irons) in einer nächtlichen Sondersitzung vor der schier unlösbaren Aufgabe, ein wirtschaftliches Desaster abzuwenden.

 

Global Player, Spielernatur, Schachfigur – die Grenzen verschwimmen in J. C. Chandors scharf kalkuliertem Finanz-Thriller, bis sie sich gänzlich auflösen. Jeder der nacheinander eingeführten Charaktere nimmt eine höhere Position in der Firma ein, doch alle sind nur Rädchen im Getriebe. Chandor begleitet seine Figuren, stets darauf bedacht, ihnen nicht zu nahe zu treten. Bis vor die Türen ihrer Privatwohnungen folgt ihnen die Kamera, von da an bleibt sie außen vor. Die Türschwelle ist die letzte Hemmschwelle. Alle Figuren bleiben die professionellen Businessmenschen, die zu sein ihr Job sie zwingt. Der intensive Kamerablick durchdringt nie die kühle Fassade der Protagonisten, die zu entrückt und professionell wirken, um sich mit ihnen identifizieren zu können, zu wollen. Die Unpersönlichkeit scheint Teil des strategischen Konzepts von Margin Call, um die Bedeutungslosigkeit des Individuums innerhalb des Systems aufzuzeigen. Chandors unterkühltes Drama analysiert nicht die menschlichen Tragödien im Schatten der Wirtschaftskrise, sondern das System, welches sie ermöglicht.

 

Am Limit

Das System scheitert, weil es Wahrscheinlichkeit mit Gewissheit verwechselt. Doch die Welt gehorcht keiner Wahrscheinlichkeitstheorie. Sie folgt »Murphy´s Law«. Früher oder später wird das allerschlimmste passieren. Diesen Moment chronologisiert Margin Call. Der Konzern steht symbolisch für die globale Wirtschaft unmittelbar vor dem Einbruch der Krise. Die Protagonisten verkörpern eine Handvoll Insider, die machtlose auf die Nadel starren, welche die Blase unweigerlich zum Platzen bringen wird. Trotz Nathan Larsons dräuender Musik bleibt die Atmosphäre fast irritierend ruhig. Der 24-Stunden-Zeitraum macht die Handlung nie gehetzt, vielmehr steigert sie sich zu höchster Konzentration. Die Suspense in Margin Call ist intellektueller Natur. Sachlich, geradezu staubtrocken sind die meisten Szenen inszeniert, und es sind keineswegs die schlechteren.

 

War Wall Street ein Börsen-Krimi, ist Margin Call ein Konzern-Thriller, auch wenn bei Chandor - anders als bei Oliver Stone - weder Negativcharaktere noch ein Verbrechen existieren. Eine Reihe Sicherheitslecks und vertuschter Fehler führen plötzlich zum GAU. Die Beteiligten bemühen sich um Schadensbegrenzung, während die finanzielle Kernschmelze bereits in Gang ist, und feststeht, dass niemand sie unversehrt überstehen wird. Zwiespältig sind lediglich die privateren Szenen, die einen universellen Verlust auf persönlicher Ebene fühlbar machen sollen. Obwohl sentimental verbrämt, ist sie auch Verweis auf die andauernde Depression – nicht nur wirtschaftlich –, die der längste schwarze Tag global einläutet. Was schiefgehen kann geht schief. Nachdem er »Murphys Law« 108 Minuten präzise und fesselnd durchexerziert, hat Margin Call dem nur einen Nachtrag hinzuzusetzen: Murphy war ein Optimist.

 

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