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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:37

BERLINALE Wettbewerb - Innocent Saturday

17.02.2011

An einem Samstag im April

»Ein gewöhnlicher Samstag«, sagt der örtliche Parteisekretär (Aleksej Shljamin). Valery (Anton Shagin) ist noch außer Atem. Er ist den ganzen Weg hierher gerannt. Der Parteisekretär findet das komisch. Alles sei doch sicher. Absolut fehlerfrei. Es kann gar nichts passieren. Und Feuer auf dem Dach des Kraftwerks gab es in der Vergangenheit auch schon. Von LIDA BACH

 

Draußen ist es noch dunkel, als Valery und der Parteisekretär zum Ort des Zwischenfalls fahren. 400, 500, 600 zeigt der Zähler. Valerys Begleiter kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus. »Erzähl doch keinen Blödsinn!«, ruft er. Nur ein phosphoreszierender Schimmer liegt über der Kleinstadt Prypiat. Das Licht an diesem Tag sah außergewöhnlich schön aus, erinnert sich  Alexander Mindadze. An jenem unschuldigen Samstag, einem Innocent Saturday, war der russische Regisseur und Drehbuchautor auf einem Häuserdach in Minsk, wo er seinen Film Plumbum drehte. Das Datum hat sich in sein Gedächtnis eingebrannt. Viele Menschen wissen noch genau, was sie an jenem Tag taten.

 

Graue Plattenbauten, mildes Aprilwetter, und im Einkaufszentrum gibt es heute rumänische Importschuhe. Später wird Valery mit seiner Freundin Vera (Svetlana Smirnova-Marcinekvich) ein Paar kaufen. In den roten Schuhen singt Vera später auf einer Hochzeit: » … Zeit vergeht, Zeit vergeht – was ist los, was stimmt nicht?« Und noch ein paar andere russische Popsongs. Sie sollte unbedingt einspringen, erklärt sie Valery. Die Feiernden rufen nach Musik. Plötzlich steht Valery selbst mit seinen alten Bandkollegen auf der Bühne. Die Trinkgelder fließen, und wenn es so gut läuft, muss man nochmal raus, oder? Im Hinterkopf hat Valery immer noch den Gedanken an Flucht. Das Wissen um die Katastrophe schwelt dunkel in seinem Geist, den er fast systematisch mit Alkohol betäubt.

 

Lautloser Tod

Aber Valery, seine alten Freunde und Vera fliehen nicht. Niemand kann auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Hier spielt die Musik. Vor der Stadt, wo Valery herkommt, herrscht Stille. Vor der Stille ist er geflohen. Die Geräuschlosigkeit der Gefahr, die Unmöglichkeit, das Grauen wahrzunehmen, macht ihn schier wahnsinnig. Der Parteisekretär wollte ihn davon abhalten, die Katastrophe zu verkünden, doch auf der Landstraße ist er zurückgeblieben. Er musste zu sehr husten, weil er noch näher dran war. Trotzdem flieht niemand. Niemand begreift, auch Valery nicht. Dem Leben kann er sich nicht entreißen, nun, da sein Tod bereits besiegelt ist. Das Grauen kommt lautlos an jenem Innocent Saturday, den Alexander Mindadze in strahlendem Sonnenschein, Fröhlichkeit und einer Angst, die alles Begreifliche überschreitet, heraufbeschwört. Sein Drama gleicht einem stillen Horrorfilm, dessen Grauen die psychologische Unmöglichkeit ist, das Grauen zu verarbeiten.

 

Der Samstag ist der 26. April 1986 in der ukrainischen Sowjetrepublik. Draußen vor Prypiat ist nichts mehr außer einer glühenden Ruine. Der Reaktor ist in der Nacht geschmolzen. Die radioaktive Strahlung hat den Namen des Kraftwerks für immer in die Geschichte eingebrannt: Tschernobyl. »Ein Monstrum« nennt ein Bandkollege Valerys den Reaktor. Sein Atem ist der radioaktive Gifthauch des Kraftwerks. Das Monstrum wird sie alle verschlingen. An einem Tag wie jedem anderen, dem Innocent Saturday.

 

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