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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:37

 

Zum 80. Geburtstag der Nobelpreisträgerin Toni Morrison

18.02.2011

Das uneingelöste Versprechen

Ihr Meisterwerk habe sie noch nicht geschrieben. Es komme noch, hatte die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison vor etwas mehr als fünf Jahren ganz kokett erklärt und damit große Erwartungen bezüglich ihres jüngsten Romans Gnade (2010) geweckt. Von PETER MOHR

 

Thematisch knüpft Gnade an den über 20 Jahre alten Vorgängerroman Menschenkind an und liefert so etwas wie eine temporeiche, leicht überladene erzählerische Vorgeschichte, in deren Mittelpunkt vier Frauen am Ende des 17. Jahrhunderts stehen. Ihre höchst unterschiedlichen Lebenswege kreuzen sich in der gesetzlosen Welt von Sklavenhandel, aufkommendem Rassismus und ersten kapitalistischen Auswüchsen.

 

Gnade kam im amerikanischen Original eine Woche vor Barak Obamas Wahl auf den Markt und liest sich zwar einfühlsam, bedrückend und abenteuerlich zugleich, doch das »versprochene« Meisterwerk war es (noch) nicht. Die Qualität von Menschenkind mit seinem ungleich längeren erzählerischen Atem blieb unerreicht.

 

»Sklavenhandel und Sklaverei sind Themen, an die sich niemand erinnern will. Weder die Schwarzen noch die Weißen. Ich meine, es herrscht eine nationale Amnesie«, erklärte Toni Morrison im Zusammenhang mit ihrem 1988 erschienenen Erfolgsroman Menschenkind, für den sie mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde und der 1999 (Regie: Jonathan Demme, Hauptdarstellerin: Oprah Winfrey) auch in den deutschen Kinos zu sehen war.

 

Das Schicksal der Farbigen in den USA ist eines der ständig wiederkehrenden Themen in Toni Morrisons Werk. Für ihr Frühwerk Salomons Lied (1977) - die Erforschung der Familiengeschichte eines einfachen Milchmannes - erhielt sie bereits den Preis der amerikanischen Literaturkritiker, die dieses Werk auf eine Stufe stellten mit Alex Haileys Roots.

 

Toni Morrison, die am 18. Februar 1931 unter dem bürgerlichen Namen Chloe Anthony Wofford in Lorain/Ohio geboren wurde, schloss ihr Studium an der renommierten Cornell University mit einer Arbeit über den Selbstmord in den Werken von William Faulkner und Virginia Woolf ab. Danach arbeitete sie zunächst als Lektorin bei Random House und später als Professorin in Princeton.

 

Unter dem Einfluss von James Baldwin hatte Toni Morrison bereits 1960 zu schreiben begonnen, doch bis zur Veröffentlichung ihres ersten Romans dauerte es zehn Jahre. »Spracharbeit ist das Maß eines gelungenen Lebens«, erklärte sie in ihrer Stockholmer Dankesrede, als sie 1993 als erste farbige Autorin den Nobelpreis erhielt.

 

Sprachlich und kompositorisch hat sich Toni Morrison von ihren Anfängen bis heute gewaltig weiter entwickelt. Geblieben ist aber ihr ungebremster Aufklärungswille und ihr leidenschaftliches emanzipatorisches Grundmotiv. »Rassismus ist heute so virulent wie zur Zeit der Aufklärung«, erklärte Toni Morrison vor einigen Jahren.

 

Sie ist nicht nur gegen die Unterdrückung der Farbigen schreibend zu Felde gezogen, sondern hat auch immer für die Rechte der Frauen gestritten - zuletzt im 1999 in deutscher Übersetzung erschienenen Roman Paradies. Ihr bis heute gelungenstes, weil formal anspruchsvollstes Werk ist die Ballade Jazz (1992), die von amerikanischen Kritikern als »eine Mischung aus Duke Ellington, William Faulkner und Maria Callas« bezeichnet wurde. In diesem postmodernen Sprachspiel hat Toni Morrison, die vor drei Monaten zur Ritterin der französischen Ehrenlegion geschlagen wurde, aus jazzartigen Versatzstücken ein blutiges Beziehungsgeflecht zwischen drei Frauen und einem Mann komponiert. Vor zwei Jahren war ihr letzter Roman Liebe erschienen, der aus Rückblicken, die bis in die 30er Jahre reichen, ein opulentes Hassgemälde zeichnet und dessen tatsächliches Handlungssujet die Zerstörung der Liebe ist.

 

Toni Morrison, die international anerkannte Stimme der farbigen US-Bevölkerung, feiert heute in Princeton ihren 80. Geburtstag. Dort lebt sie seit mehr als 15 Jahren - seit sie bei einem Wohnungsbrand in Nyack wertvolle Originalmanuskripte verloren hat.

 

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