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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:40

BERLINALE Nachlese - Yelling to the sky

10.03.2011

Bittersüßer Vogel Jugend

»My Name ist Sweetness, don´t underestimate the Petiteness.« Ihre Wut schreit Sweetness in sich hinein, bis die Wut sich aufbäumt und mit aller Macht ausbricht, LIDA BACH hat Victoria Mahoneys zorniges Coming-of-Age-Drama gesehen.

 

Nichts ist süß an Sweetness O´Hara (Zoe Kravitz): nicht ihr Umgangston, nicht ihr Leben und nicht ihr Äußeres. Das Süße wird in der ersten Szene aus ihr raus geschlagen und getreten. Latonya (Gabourey Sidibe) und ihre Handlangerinnen Fatima (Sonequa Martin) und Jojo (Shareeka Epps) greifen die kindliche 17-Jährige an, die so süß und unschuldig mit dem Fahrrad spielt. Das Süße ist ein Fluch in den Vorstadtslums, in die Mahoney in einer fiktionalisierten Version ihrer eigenen Kindheit zurückblickt, der Fluch, das Opfer sein zu müssen. Wohl deshalb trägt Sweetness ältere Schwester Ola (Antonique Smith) ein Baby im Bauch. Einmal noch schlägt Ola Sweetness heraus, bevor sie die Schwester zurücklässt. „Lucky You. Escaping.“, murmelt Sweetness neidvoll. Doch Olas letzte Lektion hat sie gut gelernt.

 

Verborgene Wahrheit

Sweet. Sweety. Sweetness. Die Spitznamen von Sweetness scheinen eine Steigerung der Niedlichkeit, deren Superlativ die namenlose Hauptfigur selbst ist. Vielleicht ist sie nicht namenlos. Sweetness könnte ihr richtiger Name sein in der rauen Ghetto-Welt, wo Mädchen wie Precious aufwachsen. »This story is gritty, it´s hones and it´s not trying to make You like it«, sagt deren Darstellerin Gabourey Sidibe. Das ungeschönte Charakterporträt ist Mahoneys filmisches Yelling to the Sky. Schmerzvoll, unartikuliert, aggressiv, doch genauso authentisch und berührend. Zoe Kravitz energetisches Spiel ist fast dem Gabourey Sidibes ebenbürtig, die in Yelling to the Sky als mitleidlose Wiedergängerin von Precious auftritt. Zuerst scheint Ola Sweetness engste Verbündete, doch als die Ausbrüche der Jüngeren exzessiver werden, geht mehr als nur Olas Wagen zu Bruch. Die Seelenschwestern sind fortan nur noch Blutsverwandte, deren zerstörte Kindergemeinschaft alte Fotoalben nicht wiederbeleben können.

 

Sweetness wahre Schwester im Geiste ist Latonya. Dass zuschlagen muss, wer nicht geschlagen werden will, hat Latonya so schmerzlich wie Sweetness gelernt. Nur früher als ihre Erzfeindin. Spöttisch verweigert sie sich jeder Versöhnung. Latonya hat erkannt, dass es zu spät ist für Wiedergutmachung, Verzeihen oder Besserung. Für alle Protagonisten von Yelling to the Sky. Die Charaktere bewegen sich in Elipsen, die sie unweigerlich zur Ausgangssituation zurückführen. Sweetness psychisch kranke Mutter flieht aus vereinzelten lichten Momenten immer wieder in ihre Lethargie, der trunksüchtige Vater (Jason Clarke) pendelt zwischen reuevoller Fürsorge und alkoholisierten Gewaltausbrüchen. Ola kehrt von ihrer Flucht in das erstickende Elternhaus zurück, selbst der Vertrauenslehrer an Sweetness Schule ist abhängig von den Drogen, vor denen er warnt.

 

»Deine Neugier wird dich eines Tages retten«, sagt Sweetness Mutter. Die verborgene Wahrheit hinter dem Versprechen ist grausam. Zornige Neugier hat Sweetness aus ihrer Opferrolle in die der Täterin geführt. Eine Alternative dazu existiert nicht. Ihre Rückkehr zur Familie spiegelt die zahllosen Rückkehrversuche ihrer Eltern. die Dämonen lassen sich unterdrücken, nicht besiegen. Sie werden wie Sweetness´ Wut wieder hervorbrechen: Yelling to the sky.

 

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