Garth Ennis / Jacen Burrows: Die Chroniken von Wormwood
10.03.2011
Blasphemie for you and me
Garth Ennis ist mit seinem neuen Comic Die Chroniken von Wormwood zu seinen Wurzeln zurückgekehrt – der blasphemischen Religionsparodie. Welcome Back, Garth! Von MATTHIAS ROSS.
1989 veröffentlichte der damals neunzehnjährige Garth Ennis seine ersten Comics, Troubled Souls und True Faith. Seitdem dominiert neben seiner Lust an der Provokation vor allem eine handvoll Themen sein Œuvre: Religions- und Sozialkritik, der Nordirlandkonflikt, Männerfreundschaften, Sex und Gewalt und der Spott über Superheldenfiguren. Der kritische Aspekt seines Schreibens und damit auch Ennis' beißender Humor sind in den vergangenen Jahren aber immer mehr unter Bergen von Splatter- und Sexexzessen verschütt gegangen. The Boys bietet ein Paradebeispiel dafür, wie sich eine Serie in einer repetitiven Abfolge von spätpubertären und vulgären Scherzen verlieren kann. Auch in Die Chroniken von Wormwood suhlt sich der Autor wieder in Gedärm, in Blut und anderen Körperflüssigkeiten – aber diesmal ist zumindest sein beißender Humor wieder in Topform.
If there is a devil in your dreams, call the omen
Danny Wormwood ist der Antichrist. Sein Vater arbeitet als Fernsehproduzent in New York und ist Satan höchstselbst. Nichts sähe sein Herr Papa lieber, als wenn Danny endlich Armageddon auslösen würde. Doch leider gefallen Danny die Menschheit und die Welt, so wie sie sind, ganz gut. Das führt zu ungewöhnlichen Allianzen: Der Teufel verbündet sich mit Gott und dem Papst, um seinen Sohn dazu zu zwingen, den Weltuntergang herbeizuführen. Der natürliche Mitstreiter für Danny wäre da natürlich der wiedergeborene Jesus Christus. Doch bedauerlicherweise ist der geistig behindert, seit er bei einer Friedensdemonstration in L.A. von Polizisten ins Koma geprügelt wurde. Zum Glück für Danny gibt es aber noch die Hure Babylon...
Das Grundgerüst für Ennis' Story liefert natürlich der Richard Donner-Klassiker Das Omen. In seiner Ausführung erinnert Die Chroniken von Wormwood jedoch eher an Ennis' eigenen Klassiker Preacher, eine Sternstunde des amerikanischen Comics. Die Klasse dieses Vorgängers erreicht Wormwood freilich nicht, doch zumindest bewegt sich Ennis wieder in diese Richtung. Er ist immer dann am besten, wenn er den Vorstellungen der organisierten Religion seinen ganz persönlichen Zerrspiegel vorhält. Zum Beispiel wenn er die Botschaft des Neuen Testaments mit der Historie des real existierenden Christentums vergleicht oder sich fragt, wie Gott und Teufel wohl drauf wären, wenn sie reale Personen wären. Gerade Satan schreibt Ennis ein paar herrlich böse Oneliner ins Skript, die einen immer wieder schadenfroh grinsen lassen.
Die Crux
...an Ennis Geschichte ist jedoch, wieso oft, der spätpubertäre Fäkal- und Brachialhumor. Nicht, dass gegen Scheiße-und-Sperma-Gags etwas einzuwenden wäre. Aber wer drei oder vier Ennis-Comics gelesen hat, der kennt die Zoten schon alle. So ist Die Chroniken von Wormwood vor allem viel Routine mit einem gelegentlichen Aufblitzen des alten, anarchischen Esprits von Ennis. Das gilt auch für die Tuschezeichnungen von Jacen Burrows. Der ist durch verschiedene Kollaborationen mit Warren Ellis bekannt geworden, vor allem im Genre des Horror-Comics. Die bekannteste dürfte die Strange Kiss / Killings-Reihe um den britischen Spezialkräfte-Magier William Gravel sein.
Burrows' Artwork ist normalerweise solider Durchschnitt, ohne große qualitative Ausreißer nach oben oder unten. Bei Die Chroniken von Wormwood merkt man den Zeichnungen jedoch an, dass Burrows unter enormem Zeitdruck gestanden haben muss, als der Comic entstand. Die Bilder leiden unter einem untypischen Mangel an Details; die Figuren sind mit wenigen Strichen ausgeführt, teilweise nur auf die Outlines beschränkt und in vielen Panels verzichtet Burrows sogar völlig auf Hintergründe. Dadurch entsteht ein sehr schlampiger und unfertiger Eindruck, auch wenn einzelne Zeichnungen sehr gelungen sind.
Im Großen und Ganzen ist Die Chroniken von Wormwood also weder der beste Comic des Jahres noch der beste Ennis-Comic aller Zeiten. Dennoch ist es wahrscheinlich Ennis' beste Arbeit der letzten Jahre. Die Formkurve zeigt also nach oben und immerhin das gibt Anlass zur Hoffnung.

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