Ulrich Peltzer: Angefangen wird mittendrin
28.02.2011
Ein wenig vorgeführt
Der Titel ist Programm bei Ulrich Peltzers Angefangen wird mittendrin – findet LIA DOLFUS.
Hat man noch nie im Leben auch nur einer einzigen Vorlesung beigewohnt, so öffnen sich einem hier, in den in Buchform festgehaltenen Frankfurter Poetikvorlesungen, regelrecht neue Welten des Lesens! Es ist eine Sache, ein Buch über ein Thema zu lesen, von dem man keine Ahnung hat. Aber eine wilde Sache ist es, ein Buch, das mündlich Vorgetragenes in Schriftform wiedergibt, und dies in sprachlich so hochwertigem Ausmaß, dass man sich eingestehen muss, dass man doch nicht alle Fremdwörter beherrscht, lesen zu wollen. Hat man sich jedoch in den Rhythmus des Buches eingelesen (Verlagsangabe: »mittelschwere Lektüre«), so macht dieses Buch vor allem Lust – auf´s Lesen an sich.
Wird der Leser auf den ersten Seiten in Erinnerungsfetzen hineingeworfen, die dem Autor als mögliche Anfänge des Romans, den er zu schreiben plant, dienen könnten, so folgen Ausführungen über das Schreiben und dessen Definition als z.B. nicht therapeutisch für den Autoren. Weitere Überlegungen hierzu folgen – und plötzlich findet sich der konzentrierte Leser wieder in der Philosophenwelt des 18. Jahrhunderts, ins Licht gebracht durch Worte Giambatista Vicos, gefolgt von Zitaten, Fußnoten und ex tempori aller erdenklichen Autoren, Philosophen und solcher, die man nie gehört, geschweige denn gelesen hat, en masse. Immer wieder wirft Peltzer Sätze wie » ... aber das haben Sie sicher erkannt« oder » ... wie Sie natürlich gelesen haben« ein, bei denen der Laien-Leser denkt: »Nein, habe ich nicht!« - und sich dabei ein wenig vorgeführt vorkommt.
Man neigt jedoch dazu, Peltzer die verbale Hochtraberei versöhnlich nachzusehen – schließlich sitzt oder steht er ja in Vorlesungen vor Menschen, die ihm folgen können sollten, und umso deutlicher formt sein Redestil dann auch im »Ohr« des Lesers ein Bild bzw. eine Melodie.
Im Verlaufe der Vorlesungen kann man sich immer deutlicher vorstellen, wie eine solche, gehalten von diesem scheinbar allwissenden (was Literatur betrifft) Autor/Dozenten, vonstattengehen muss. Wird einem selbst eben jener beim Lesen immer sympathischer, drängt sich dem Leser trotzdem irgendwann die Frage auf: Wie in aller Welt sollen die Studenten, und ich gehe davon aus, dass auch Literaturstudenten »nur« Menschen sind, sich diese unglaubliche Fülle an Details, Querverweisen und Anekdoten überhaupt merken? Da kommt dieses Buch doch wie gerufen und ist sicherlich dem einen oder anderen eine große Hilfe. Für was auch immer.
Herausragend ist meiner Meinung nach der Effekt, den Peltzer erzielt: Liest man in diesem Buch die grandios gestalteten Ausführungen und Erklärungen zu Ulysses, Robinson Crusoe und Huckleberry Finn, so bekommt man, je mehr die Bücher von ihrem Analytiker zerlegt werden, Lust, eben diese zu lesen, bis es schon fast zum Zwang ausartet und man sie sich umgehend bestellt.
Ist dies der Sinn einer solchen Vorlesung – die Hörer (in diesem Fall Leser) zum Lesen zu bringen, ihnen die Literatur (die sie ja eigentlich, so scheint laut den eben zitierten Einwürfen die Voraussetzung zu sein, schon gelesen haben sollten) näher zu bringen, ihnen wieder, oder endlich, Appetit darauf zu machen – dann ist es Ulrich Peltzer mit diesem Buch gelungen.
Das Buch endet übrigens, wie es begonnen hat. Man planscht wieder im neu entstehenden Roman des Dozenten, wird Zeuge der Geburt von möglichen Namen, Orten und Begebenheiten, über die wir wohl zukünftig von Ulrich Peltzer lesen können werden. Dann aber in hoffentlich auch für den »normalen« Leser verständlicher Form.

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