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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:44

Michail Gorbatschow wird 80

02.03.2011

Zur rechten Zeit

Jeder kennt den Spruch. Wer bei einer Party nach der Zeit aufkreuzt und das Büffet ist schon halb abgeräumt, muss ihn sich genauso anhören wie einst Betonkopf Erich Honecker, jenen wohl berühmtesten Satz der jüngeren Globalgeschichte, der wie kaum ein anderer als Mahnung für träge Diktatoren gelten darf, die an ihrer Macht kleben wie Ameisen am Honigtopf: »Wer zu spät kommt, den betraft das Leben.« Als Autor dieser Mahnung für das Despotenstammbuch, die er in dieser Form jedoch wörtlich und öffentlich so nie gesagt hat, gilt der damalige sowjetische Staatschef Michail Sergejewitsch Gorbatschow. Er wird heute 80 Jahre alt. Von JOSEF BORDAT

 

Gorbatschow kam rechtzeitig. Er wurde zur rechten Zeit Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) und sorgte als solcher im wirtschaftlich und politisch maroden Ostblock für die Wende. In der ökonomisch am Boden liegenden Sowjetunion, die am Ende fast ein Viertel ihres Bruttosozialprodukts in dem bizarren Rüstungswettlauf mit den USA aufwendete, der als »Kalter Krieg« in die Geschichtsbücher einging, leitete er eine Reformpolitik ein, die die Gesellschaft umgestalten sollte (Perestrojka). Gorbatschow stand für eine neue Offenheit des Staats gegenüber dem Bürger (Glasnost) und gegenüber dem Westen. Den anfangs noch skeptischen USA schlug er Abrüstung und Entspannung als neue Leitprinzipien der internationalen Beziehungen vor, ein Novum seit Jahrzehnten der waffenstarrenden Abschreckung und der bilateralen atomaren Bedrohung. Die Aufhebung der Breschnew-Doktrin, die der Sowjetunion ein Interventionsrecht in den sozialistischen »Bruderstaaten« einräumte, sorgte überall in Osteuropa für Erleichterung und ebnete den Revolutionen am Ende der 1980er Jahre den Weg. Gorbatschow kann damit als einer der bedeutendsten Politiker des 20. Jahrhunderts betrachtet werden.

 

Am 2. März 1931 in Priwolnoje bei Stawropol im Nordkaukasus geboren, studierte Gorbatschow Jura und trat 1952 in die KPdSU ein. Als Erster Sekretär des Gebietes Stawropol und Mitglied im Zentralkomitee der KPdSU machte er schnell Karriere, so dass er verhältnismäßig jung zum Generalsekretär der KPdSU gewählt wurde; Gorbatschow war gerade 54, als er in der Sowjetunion an die Macht kam (1985). Mit frischen Ideen sorgte er dafür, dass ihn bald die ganze Welt kennen und schätzen sollte.

 

Besonders Deutschland verdankt »Gorbi« viel. Mit der eingangs erwähnten Ermahnung Honeckers sorgte er im Oktober 1989 – zur rechten Zeit! – für den nötigen Druck. Nach dem Mauerfall stimmte er rasch einer Wiedervereinigung zu. Seine besonnene Haltung in der Frage einer Vollmitgliedschaft Deutschlands in der NATO machten Gorbatschow zum eigentlichen Spiritus Rector der Zwei-plus-Vier-Verhandlungen des Sommers 1990. Im Einheitsjahr erhielt Gorbatschow unter anderem auch dafür den Friedensnobelpreis. Es folgten viele andere Ehrungen und Auszeichnungen, etwa der »VIVA Comet für Außerordentliche Verdienste um die europäische Jugend« (1998), der »Augsburger Friedenspreis« (2005) und der »Marion Dönhoff Preis für internationale Versöhnung und Verständigung« (2010).

 

In Russland kein Bein mehr auf den Boden

Im Ausland hoch angesehen und reich dekoriert, bekam Gorbatschow nach dem Ende der Sowjetunion in Russland politisch kein Bein mehr auf den Boden: Ein Putschversuch gegen Gorbatschow und seine Reformpolitik scheiterte im August 1991, doch konnte er die Auflösung der UdSSR im gleichen Jahr nicht verhindern. Als Präsident des untergegangenen Staates trat er zurück, um erfolglos im neuen Staat Russland Fuß zu fassen. Doch bei den Präsidentschaftswahlen 1996 erhielt er weniger als ein Prozent der Stimmen.

 

Etwas Ablenkung mag ihm die intensive Beschäftigung mit der Musik verschafft haben: 2004 veröffentlichte er mit Sophia Loren und Bill Clinton eine Kinder-CD, die prompt mit einem Grammy prämiert wurde. Aber die Politik lässt ihn nicht los. 2008 gründet er mit Alexander Lebedew eine neue Partei, der jedoch kaum Chancen bei den kommenden Wahlen eingeräumt werden. Viel erfolgversprechender sind hingegen Buchveröffentlichungen von oder über Gorbatschow.

 

Hervorzuheben ist die fünfbändige Ausgabe Ausgewählte Reden und Aufsätze, die in den Jahren 1987 bis 1990 im Berliner Dietz-Verlag erschien sowie die Monographien Erinnerungen (1995) und Über mein Land. Russlands Weg ins 21. Jahrhundert (2000). Zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls (1999) erschien sein Buch zur Einheit: Wie es war. Die deutsche Wiedervereinigung. Zuletzt veröffentlichte Gorbatschow Mein Manifest für die Erde. Jetzt handeln für Frieden, globale Gerechtigkeit und eine ökologische Zukunft (2003).

 

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