Gaßner / Koep: Unscharf. Nach Gerhard Richter
10.03.2011
Verwackelte Bilder? Große Kunst!
Anders als auf den missglückten Urlaubfotos im Familienalbum demonstriert Unschärfe in Malerei und Kunstfotografie nicht zwingend fehlendes Können – sie bietet sogar eine mögliche Antwort auf die Krise des Bilds im Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung, wie der Katalog Unscharf. Nach Gerhard Richter beweist. Von STEPHANIE RAPPL
„Das, was wir hier als Unschärfe ansehen, ist Ungenauigkeit, und d. h. Anderssein im Vergleich zum dargestellten Gegenstand. […]“ – mit dieser programmatischen Aussage zitiert Hubertus Gaßner, der Direktor der Hamburger Kunsthalle, in seinem einleitenden Aufsatz zum Katalog Gerhard Richter. Der 1932 in Dresden geborene Maler leitet aus dem Prinzip der Unschärfe seine künstlerische Autonomie her: An die Stelle von Welterklärungsversuchen durch das Medium der Kunst setzt er die Unbestimmtheit, die durch gestalterische Mittel erzeugt wird. So kann, wie Richter erklärt, die Farbe selbst (etwa in Form von Grautönen) nicht unscharf sein; sie kann aber Unschärfe im Auge des Betrachters gezielt hervorrufen. Auf diese Weise werden Richters Arbeiten geradezu paradigmatisch für die von Habermas in den 1980ern ausgerufene „neue Unübersichtlichkeit“.
Unschärfe als Ausdrucksmittel
Der Begriff „scharf“ bezeichnet ursprünglich eine haptische Qualität (z.B. einen scharfen Schnitt), erst in der Übertragung auf das Optische entsteht der Gegenbegriff des „Unscharfen“. Diese Negation wird jedoch nur in Bezug auf den Gesichtssinn und auf intellektuelle Prozesse gebraucht, nicht aber auf die übrigen Sinne angewandt. Das Phänomen Unschärfe steht, wie Gaßner erläutert, für Wahrnehmung in Grenzbereichen – beispielsweise durch Rausch, Dunkelheit bzw. extreme Helligkeit. Als Stilmittel in der Kunst eignet es sich deshalb besonders dazu, um im Betrachter eine Auseinandersetzung mit dem Werk in Gang zu setzen: Unscharfe Bilder verunsichern, fordern heraus, regen zum Nachdenken an.
Seit dem 19 Jh. stehen Malerei und Fotografie einander als künstlerische Medien in Konkurrenz bzw. einander ergänzend gegenüber; dabei wurden von unterschiedlichen Stilrichtungen abwechselnd Schärfe und Unschärfe zum integralen Bestandteil des Ausdrucks erhoben (Impressionismus: Unschärfe, Neue Sachlichkeit: Schärfe etc.). Dieses Wechselspiel zwischen Medien und Ausdrucksmitteln kulminierte schließlich in der Pop Art der 1960er Jahre: Die serielle Produktion gemalter Bilder nach fotografischer Vorlage wurde zum künstlerischen Standard erhoben, die noch jungen Massenmedien dienten hierfür als Voraussetzung. Die Verkettung von Bildmedien zwischen Film, Foto und bildnerischer Reproduktion führte zum „medialen Austausch“, dessen momentan letzte Instanz die digitale Bildbearbeitung am Computer darstellt.
Gerhard Richter, S. mit Kind, 1995
Richter als stilprägendes Vorbild
Der erste Bildteil des Katalogs stellt ausgewählte Werke Richters aus den 1960er bis 1990er Jahre vor, deren unterschiedliche Sujets, von gegenständlich bis informell, die Dynamik der Unschärfe illustrieren. Eine breite Diversität wird darüber hinaus durch die jeweilige technische Ausführung der Ölgemälde erzielt; mitunter sind sie aufgrund ihres Fotorealismus als solche für den Betrachter des Katalogs nur aufgrund der Bildinformationen erkennbar.
Teil zwei stellt nach dem bewährten Prinzip von Meister-Schüler-Kontinuitäten Werke junger Künstler vor, die sich formell an die Gestaltungsprinzipien Richters angliedern lassen – mit der Besonderheit, dass diese Künstler sich eben nicht auf Richter als Impulsgeber berufen. Und genau hierin liegt der Beweis dafür, wie Richters „Kunst der Unschärfe“ auf die visuelle Wahrnehmung seit dem späten 20. Jahrhundert stilbildend wirkte.
Michael Wesely, Petalas 2, 2008
Unscharfe Bilder im Auge des Germanisten
Vier sehr lesenswerte Beiträge, die sich mit dem Phänomen „Unschärfe“ aus kunsthistorischer Sicht beschäftigen, bilden das theoretische Herzstück des Katalogs. Neben Kunsthistorikern wie Sabine Schnakenberg (Deichtorhallen Hamburg) und Hubertus Gaßner hat unter anderem auch der New Yorker Germanistikprofessor Bernd Hüppauf, der sich seit langem mit dem Thema beschäftigt, einen bemerkenswerten Aufsatz beigesteuert: Ausgehend von der Fotografie des 19. Jahrhunderts erklärt er die Rolle der Unschärfe „als konstitutives Bildelement“ und ruft für das Zeitalter der digitalen Bildbearbeitung eine „Krise der Abbildung“ aus, in der das Bild seinen Wahrheitsanspruch eingebüßt hat; der Versuch einer neuerlichen Aufladung mit Bedeutung konfrontiert demnach den Betrachter mit der Aufgabe, das Kunstwerk zu enträtseln – und dies trifft insbesondere auf das unscharfe Bild zu, wie Hüppauf an einigen Beispielen erläutert. So wird etwa bei Michael Wesely durch seine Technik der Langzeitbelichtung die Zeit als Element der Darstellung mit ins Bild aufgenommen, während Gabriele Leidloff in ihren Röntgenaufnahmen mit der Auflösung der für den genuin medizinischen Zweck unabdingbaren Eindeutigkeit spielt.
Wolfgang Kessler, Zwischenraum (Cutter), 2010
Insgesamt 25 zeitgenössische Künstler werden im Katalog vorgestellt, deren Arbeitstechniken die Grenzen zwischen Malerei und Fotografie endgültig verschwimmen lassen und die mitunter, wie etwa im Falle Marc Lüders, Elemente beider Techniken in ihren Werken zusammenführen. So weit die technischen und konzeptionellen Herangehensweisen dabei auch auseinandergehen mögen – das von Gerhard Richter konsequent umgesetzte Prinzip, Dynamik im statischen Medium des Bilds einzufangen, bleibt dabei stets im Hintergrund präsent. Völlig einleuchtend ist deshalb die Entscheidung, seinen Namen in den Titel von Katalog und Ausstellung aufzunehmen.
Ausstellung: Hamburger Kunsthalle 11.2.–22.5.2011

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