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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:50

BERLINALE Nachlese - The Forgiveness of Blood

10.03.2011

Das Erbe des Blutes

Die Steine solle er besser beachten, warnt Sokol (Veton Osmani) den Nachbarsohn Nik (Tristan Halilaj). Eines Tages könnten sie sonst gegen ihn geworfen werden. Jener Tag kommt früher als erwartet für den 17-jährigen Schüler, der mit seiner jüngeren Schwester Rudina (Sindi Lacej) im ländlichen Albanien aufwächst. Wann immer sie mit dem maroden Pferdekarren an Sokols Land vorüber fahren, tragen Nik und sein Vater Mark (Refet Abazi) dessen Marksteine vom Weg ... Von LIDA BACH

 

Wann immer die Steine verrückt werden, setzt Sokols Familie sie wieder zurück. Die Steine schlagen schließlich Funken in Joshua Marstons Drama. Marks Hass flammt in einem Gewaltausbruch auf. Die Rachsucht wird zum Lauffeuer, das seine Schneise tief in Niks Leben brennt. Der Preis für „The Forgiveness of Blood“ ist das Leben, und Nik soll ihn anstelle seines Vaters zahlen.

 

Keine Sühnung, keine Tilgung kann den Blutdurst stillen. Jeder Versuch einer Wiedergutmachung endet vergeblich in Marstons bitterem Jugendfilm. Der beherrschte Wettbewerbsbeitrag des albanischen Regisseurs erzählt nicht nur von der Unmöglichkeit, einen Mord wieder gutzumachen. In subtilen Alltagsszenen zeigt The Forgiveness of Blood, dass eine stumme Existenz im Angesicht der Gewalt letztendlich noch unerträglicher ist als der Tod. Die Rache ist noch tückischer als das Verbrechen selbst. Sie verbirgt sich im nach Außen hin unbeschwerten Alltag der Bevölkerung. Harmlose Streiterei scheint der Landkonflikt zu Beginn. Dann plötzlich erklingt ein Wort immer wieder: Kanun. Eine uralte Vorschrift, die der Familie des Ermordeten erlaubt, die männlichen Verwandten des Täters zu töten.

 

Steinige Wege

Während Mark sich vor der Polizei versteckt, sind Nik und sein kleiner Bruder Ded (Cun Lajci) gezwungen, sich im Haus zu verbergen. Für wie lange weiß niemand. Bei einem Klassenkameraden Niks waren es Jahre. In der ersten Szene verrückt Nik die Marksteine auf Sokols Land. Unbewusst legt Mark, der ihn bei dem Auftrag beobachtet, die Steine seinem Sohn in den Weg. Die Folgen seines Streits bedenkt Mark nie. Dass der Konflikt auf dem Rücken seiner Kinder ausgetragen wird, kümmert ihn nicht. Marks Sturheit macht ihn unterschwellig zum Antagonisten Niks und der weiblichen Mitglieder beider Familien. Sie alle wünschen eine friedliche Beilegung. Der Ausbruch der seit Generationen schwelenden Landfehde trifft Nik, der mit seiner ersten Liebe und Wunschträumen von einem Internet-Café beschäftigt ist, so unvermittelt wie Rudina. An Stelle des Bruders muss sie im Familienunternehmen arbeiten. Die Aufgabe ermöglicht ihr die Flucht aus der traditionell unterdrückten Frauenrolle, die im ländlichen Albanien passiv und häuslich ist.

 

Fast unmerklich zeichnet The Forgiveness of Blood auf diese Weise auch ein differenziertes Porträt einer zwischen Fortschritt und Rückständigkeit zerrissenen Gesellschaft. Rudina, Sokols bedachtsame Cousine, und Niks Freunde verkörpern die Chance auf ein Abkehr vom Archaischen. Niks Weg hingegen ist verbaut. Um überhaupt eine Zukunft zu haben, muss er ihn in eine andere Richtung weitergehen. Dass Marstons Film diese Weg nicht auf gefällige Weise frei räumt, verleiht seinem engagierten Jugendfilm die Authentizität, die The Forgiveness of Blood besonders im Programm der Generations sehenswert gemacht hätten. Dort hätte er womöglich mehr Aufmerksamkeit erlangt als im Wettbewerb, wo er nur einen Randplatz im Programmplan gefunden hat.

 

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