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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:51

Hans-Joachim Backe: Under the Hood - Die Verweisstruktur der Watchmen

07.04.2011

Under the Hood - und darüber hinaus

Mit Under the Hood liegt nun der vierte Band der yellow-Reihe zur Comicforschung vor. Dieser widmet sich den Verweisstrukturen der vielfach gerühmten Graphic Novel Watchmen. CHRISTIAN NEUBERT ist neugierig geworden.

 

Comics fristen hierzulande seit jeher ein Nischendasein. Sie gelten als seichte Unterhaltung für kindliche Gemüter. Dabei gibt es unter all dem, was als Comic verkauft wird, wie in allen anderen Medien, sehr wohl anspruchsvolle Werke von hohem künstlerischem Wert. Aber immerhin – und dabei vor allem aufgrund der Etablierung der Gattungsbezeichnung »Graphic Novel« – haben sie es mittlerweile in die Feuilletons der großen deutschen Zeitungen geschafft. Als Objekte wissenschaftlicher Auseinandersetzung kamen sie bisher allerdings kaum in Betracht: Comics und Wissenschaft, diese Kombination klingt in den meisten Ohren nach wie vor kurios.

 

Kurioses ist allerdings oft auch äußerst interessant. Daher braucht es nicht zu verwundern, dass 2008 der Ch. A. Bachmann Verlag aus der Taufe gehoben wurde, um dem Missstand einer kaum vorhandenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit seiner Reihe yellow. schriften zur comicforschung etwas entgegenzusetzen. Nach theoretischen Texten zu Batman, zu Mathieus Serie vom Gefangenen der Träume, Julius Corentin Acquefacque und zu Richard Felton Outcaults Yellow Kid ist nun der vierte Band der Reihe erschienen – Under the Hood. In diesem widmet sich der Literaturwissenschaftler Hans-Joachim Backe der Graphic Novel Watchmen von Alan Moore und David Gibbons.

 

Ein Klassiker unter der Lupe

Watchmen ist einer der großen Meilensteine der Comicgeschichte. Seine herausragende Bedeutung kann man z.B. daran ablesen, dass er als einziger Comic in die Liste der 100 besten englischsprachigen Romane des Time Magazine aufgenommen wurde. Und dass es bereits, man höre und staune, eine andere, zuerst in Deutschland erschienene, wissenschaftliche Arbeit zu Watchmen gibt, nämlich Neue Perspektiven auf die Superhelden. Polyphonie in Alan Moore's »Watchmen« von Karin Kukkonen.

 

Doch zurück zu Under the Hood. Backe untersucht in seiner Arbeit die intertextuellen Verweisstrukturen der bahnbrechenden Graphic Novel. Zunächst erklärt er in seiner Einleitung Alan Moores Geniestreich als der postmodernen Literatur zugehörig, bevor er in einer umfassenden Analyse die Konstruktionsprinzipien von Watchmen offenlegt. Auf diese Weise zeigt er auf, dass der Comic eine Fülle an unterschiedlichen Rezeptionsmöglichkeiten bereithält. Denn immerhin, so Backe, behandelt bzw. beinhaltet das Werk Sinnebenen, die über die eigentliche, vordergründige Handlung hinausgehen:

 

»Watchmen verbindet inhaltliche Verweissysteme mit komplexen formalen Verweissystemen, bei denen die Funktion jeder Sprechblase, jedes Panels und jedes Panelübergangs uneindeutig ist. Dass Watchmen sich als Comic relativ mühelos lesen lässt, liegt daran, dass es stets eine vordergründige Primärfunktion gibt. Dass Watchmen große Kunst ist, liegt daran, dass es fast nie bei dieser Primärfunktion bleibt.«

 

Wie man ein Meisterwerk seziert

Backe analysiert das Werk zunächst in seiner Gesamtheit, wobei er die Organisationsprinzipien des Comics offenlegt. Er betrachtet die ständig wiederkehrenden Zeichen und Stilmittel, die Darstellung von Raum und Zeit (unter Einbeziehung von Scott McClouds´ bekanntem Beschreibungsmodell), die Figuren und deren zeichnerische Umsetzung sowie die Poetik von Watchmen. Den Hauptteil der Untersuchung bildet schließlich das Kapitel, das sich den Prätexten und Motti der einzelnen Kapitel bzw. der einzelnen Ausgaben des ursprünglich als Miniserie vorgelegten Comics widmet, bevor Backe sich das Meta-Motto, Juvenals´ »Quis custodiet ipsos custodes« (Who watches the watchmen?) vornimmt.

 

Als Fazit seiner Untersuchung stellt Backe zwei unterschiedliche Lesarten von Watchmen einander gegenüber, in denen er die von ihm aufgezeigten Verweissysteme jeweils zur Einheit bringt. Die eine Deutungsvariante stellt Politik und Religion in den Mittelpunkt, die andere bezieht sich auf Geschlechterdiskurse und das Motiv der Nostalgie. Diese sollen beispielhaft dafür stehen, worin der Nutzen von Intertexten – bei Watchmen im speziellen, aber auch im allgemeinen – besteht. Nämlich darin, unterschiedliche Sinnebenen zu öffnen, um auf diese Weise verschiedene Möglichkeiten der Auseinandersetzung anzubieten.

 

Für Kenner von Watchmen bietet Under the Hood zahlreiche Anregungen, das Werk mit anderen Augen anzublicken; es lässt einen vieles entdecken, dass man auch nach mehrmaliger Lektüre noch nicht (oder zumindest noch nicht so) gesehen hat. Daneben zeigt es noch auf, wie eine ernsthafte Auseinandersetzung auf literaturwissenschaftlicher Ebene mit einem Comic ausschauen kann. Eine Sache ist allerdings etwas ärgerlich: Offenbar hat sich der Autor bzw. der Verlag den Lektor gespart – der Text beinhaltet dermaßen viele Satzbau- und Rechtschreibfehler, dass dies nicht unerwähnt bleiben darf.

 

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