Frankie Chavez: Family Tree TATORT (SR) - Skalpell (28.05.2012) Andrea Maria Schenkel: Finsterau David Small: Stiche. Erinnerungen "Bacon Talks": Frankfurts Schauspielintendant Oliver Reese schreibt ein Stück und inszeniert Kennzeichen T - 28.04.2012
Donnerstag, 24. Mai 2012 | 18:56

Das siebente Siegel - Det sjunde Insegelt (Schweden 1957)

24.03.2011

Film mit sieben Siegeln

Sieben auf einen Streich. Tot. Keine ist ihm entkommen. Keine der Seelen, die der Sensenmann an einem Strick hinter sich führt. Diese makabere Prozession wandelt über einen Hügelkamm, als würde sie tanzen. Doch der Spielmann, der sie beobachtet, bleibt stumm. Ob er staunen, weinen oder über das Zerrbild lachen soll, weiß er kaum. Nur nach Frohsinn ist dem Schausteller nicht ... - Die Retrospektive der BERLINALE öffnete Das Siebente Siegel Ingmar Bergmanns. LIDA BACH war dabei.

 

Die Gefühle des Spielmanns teilt man nach der BERLINALE-Vorführung. Das filmische Mysterienspiel verschließt sich auch auf der großen Leinwand der Retrospektive-Kinos einer endgültigen Deutung. Der Filmtitel - so viel ist klar - bezieht sich auf eine Passage aus der Offenbarung des Johannes im Neuen Testament. Das Lamm als Verkörperung Jesu Christi öffnet dort das mit sieben Siegeln verschlossene Buch der Apokalypse. Den Weltuntergang bringt bereits das Öffnen des sechsten Siegels. Die Sonne hat sich verdunkelt, die Sterne sind vom Himmel gestürzt, der Mond ist wie Blut geworden. Die Handlung des Films indes ist erst beim vierten Siegel angekommen ...

 

Die vier apokalyptischen Reiter wüten auf der Erde. Das Land ist verwüstet von Hunger und Krieg. Bei seiner Rückkehr aus dem heiligen Land empfängt den Kreuzritter Antonius (Max von Sydow) der schwarze Tod (Bengt Ekerot). Umhüllt von einem dunklen Gewand will der leibhaftige Gevatter ihn ins Jenseits führen. Doch der Ritter fordert den Tod zum Schachspiel um sein Leben heraus. Während die Partie andauert, begegnet er den Schaustellern Jof und Mia, die mit ihm rasten. Das Paar und sein kleiner Sohn Mikael verkörpern für den Kreuzritter ein friedfertiges Ideal, das zu beschützen er sich schwört. Dass das Spiel für ihn aus ist, weiß Antonio. Doch nicht Lebenszeit will er gewinnen, sondern Antworten. Die jedoch kann auch der Tod ihm nicht geben. Existiert ein Gott, Satan oder ein höherer Sinn? Ist der Mensch gut oder schlecht? »Ich weiß nichts«, erwidert der Tod. Nur er ist gewiss. Mors certa. Omnia incerta.

 

»Hütet Euch vor dem Zorn des Lamms.« (Offenbarung des Johannes)

Derb-humorige Szenen von Trunk und Ausschweifungen wechseln mit Bildern von unmenschlicher Grausamkeit und von berührend zärtlichen Momenten. Diese Momente erlebt der im Grunde des Lebens überdrüssige Antonio, den nur seine Sinnsuche treibt, mit den Spielleuten. Die Namen des Schausteller-Paares erinnern an Maria und Josef. Ihr kleiner Sohn, der den Namen eines Erzengels trägt, würde nach einer solchen Deutung eine Christusfigur verkörpern. Ist der Untergang tatsächlich ein Übergang, Anbruch einer neuen Ära, in der das alte Leid vergessen ist?

 

Bergmanns Ende lässt sich als Ausblick auf die Renaissance interpretieren, eine wortwörtliche kulturelle Wiedergeburt nach dem scheinbar so finsteren Mittelalter. Den Genuss eines flüchtigen Augenblickes lobt Antonius, wenn er während einer Rast mit der Gaukler-Familie sagt, er werde sich immer an eine Schale Erdbeeren und eine Schüssel Milch, die das Paar ihm reichten, und den Spielmann und seine Laute erinnern. Dieses Carpe Diem bleibt als einziger Ausweg gegen die Übermacht des Todes bestehen.

 

| kommentar schreiben

Name:
Kommentar:

Unser Lieblingssufi live!!

06.06. Aachen, Musikbunker
07.06. Hannover, Musiktheater Bad
19.06. Hamburg, Uebel & Gefährlich
20.06. Berlin, Gretchen
21.06. Leipzig, UT Connewitz
22.06. ...

»Die Wahrheit ist ein scheues Kind ...«

Mit dem Roman Tannöd begann 2006 die erstaunliche Karriere der Andrea Maria Schenkel. Der Nachfolger, Kalteis (2007), bewegte sich noch ganz im Dunstkreis des erfolgreichen ...

Feier der Tonalität

Bei den großen Musikfestivals, in Salzburg, Luzern oder Verbier, kommt Jazz, wenn überhaupt, allenfalls als Kuriosität am Rande vor, am ehesten noch in der Gestalt des »Third ...

Elektronische Findlinge

Aus dem Harz oder vom Bosporus – viele Wege führen in eine der zeitgenössischen Kreativ-Metropolen für Top-Produzenten elektronischer Musik ...

Augenblicke des »alten Europa«

Tony Judts literarischer Gang durch sein Chalet der Erinnerungen.

 

Von WOLFRAM SCHÜTTE

Gegen die Dominanz des Beliebten

Nach Amazon (1997) und Google (2004) geht nun mit Facebook das dritte Internet-Schwergewicht an die Börse. Häufig liegen die drei Unternehmen mit der Entwicklung neuer Techniken ...

Galgenmännchen auf Finnisch

Freiheitsdrang und Träume können riskant sein. Wie riskant, muss der 12jährige Taifun erfahren, der zu seinem eigenen Besten in eine besondere Schule geschickt wird, dem Haus der ...

Kind sein, der moderne Vollzeitjob

Nur das Beste für das Kind, wer wünscht sich das nicht? Vorhalten soll das Beste auch, vorzugsweise ein Leben lang. Dafür müssen Grundlagen gelegt, das Kind rundum ...

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Das Leben ist nicht Wünschdirwas

Eine dieser Autorinnen mit den Doppelnamen: Katrin Marie Merten hat nach Gedichten jetzt auch Prosa veröffentlicht: Rückwärtslaufen. Von PEGGY NEIDEL

Garten Eden vor der Haustüre

Sie heißen Tigerella, Gelber Squash oder Rote von Paris. Sie gehören alten Sorten an, die oftmals in Vergessenheit geraten sind – doch ihre Farben-, Formen- und Geschmacksvielfalt ...