Potiche (Das Schmuckstück) - ab heute im Kino!
24.03.2011
Bescheidenheit ist eine Zier ...
Der deutsche Verleihtitel deutet nur an, was Francois Ozon im Originaltitel seiner Komödie vereint. Eine pompöse Vase, Aushängeschild, Zierfigur oder einen Popanz kann das französische Potiche bezeichnen. LIDA BACH sah die Kinoadaption des Theaterstücks von Barillet & Gredy.
Donnerstag ist der schlimmste Tag für den Regenschirm-Fabrikanten Pujol (Fabrice Luchini). Sein bevorzugter Nachtclub hat Donnerstags geschlossen, die Huren haben Ruhetag - und zu allem Übel streiken seine Arbeiter. Als Pujol vor Aufregung einen Herzanfall erleidet, übernimmt seine vernachlässigte Gattin Suzanne (Catherine Deneuve), die bisher nur Das Schmuckstück seines Heims war, vorübergehend die Firmenleitung. In der Betriebsführug schafft Suzanne grundlegende Veränderungen und arrangiert sich zudem mit dem sozialistischen Abgeordneten Balbin (Gerard Depardieu), den sie weit intimer kennt, als Pujol ahnt. Letzter fühlt sich von der einstigen Vorzeigefigur seines Haushalts zum Popanz degradiert und holt zum Gegenschlag aus.
Mehr Arbeiterrechte, schönere Schirme, ein Familienbetrieb im wahrsten Sinne, wo Mutter und Kinder sich Seite an Seite verwirklichen, statt Pujols Firmenfaschismus (»Pujol = Hitler« schreiben die Streikenden auf ein Plakat) – hat sich Francois Ozon etwa zu einem Pamphlet auf die Selbstbehauptung der Frau durchgerungen? Im Gegenteil. Das Pendel seines Hohns lässt er zunächst in Richtung der Männer ausschlagen, nur um es dann mit doppelter Wucht auf die Frauen zurückfallen zu lassen. Ihr emanzipatorischer Gestus erweist sich als aufgesetzt. Suzannes Tochter Joelle (Judith Godreche) findet ihre Erfüllung im Kinderkriegen und Eheleben an der Seite ihres Mannes. In einer bezeichnenden Wendung tritt sie ihm ihre Position in der Firma ab, um selbst daheim bei den Kindern und ihrem Mann nah sein zu können.
Die Zierde ihres Gatten
Suzanne wiederum schart ihre Kinder aus Familieninstinkt auf der Arbeit um sich, schlichtet den Streik mit weiblicher Sanftheit und kann sich auch als Firmenleiterin nicht von ihrer stereotyp femininen Denkweise lösen. Die geschlechtsspezifischen Mentalitäten der Charaktere ließen sich als Persiflage interpretieren, würde sie Potiche nicht so ernsthaft inszenieren. Männer sind rational und entschlossen, Frauen gefühlsbetont und sozial. Das soziale nimmt bei Suzanne derart überhand, dass sie als Abgeordnete gegen Balbin antritt. Wahlkampf betreibt sie nicht mit konkreten politischen Konzepten, sondern indem sie Käsehäppchen verkostet und sich als Mutter der Nation feiern lässt, von Anhängern, die im Chor mit erhobener Faust »Mama« skandieren. Fast gelingt es Ozon in solchen Momenten amüsant zu sein. Zu dumm, dass der Mama-Jubel von dem »Wir sind Individuen«-Chor Monty Pythons abgekupfert ist.
Während mit Balbin und Laurent zumindest zwei halbwegs erträgliche männliche Figuren auftreten, sind die weiblichen Charaktere unaufrichtig, infantil und pathetisch. Zierden ihrer Männer oder deren Lustobjekte sind die beiden Rollenklischees, in die sich Frauen in Potiche unterteilen lassen. Dabei inszeniert Ozon diese Alternativlosigkeit keineswegs, um sie zu kritisieren. Vielmehr stellt er sie als kleineres von zwei Übeln dar. Die Übermutter Suzanne, gegen deren Zementfrisur selbst Doris Days Haartracht als wilde Mähne erscheint, im Parlament zu wissen, scheint noch grausiger als dass der sentimentale Balbin dort säße. Das erste Mal joggt Suzanne im roten Trainingsanzug, das zweite Mal in einem blauen. Mehr Emanzipation ist bei Ozon gefährlich. Seine Szenen in Split-Screen, Weichzeichner, Rahmenblenden und den anderen dekorativen Spielereien der Siebziger unterstreichen die Künstlichkeit seiner Filmwelt, die zum reinen Selbstzweck absinkt.
Nur die wunderbare Catherine Deneuve und Depardieu verleihen Potiche einen Rest Stil. Doch die beiden wunderbaren Hauptdarsteller sind für Ozon jeder nur ein »Schmuckstück« in einem Werk, dass im Grunde unverhohlene Hommage an seinen eigenen Regie-Stil ist. So ist sein missglückter Versuch einer Persiflage genau das, was der französische Originaltitel im negativen Sinne bedeutet: ein Popanz.

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