»Schmierensteher für Meuchelmörder«
Auch in seinen vielen anderen Stücken stand stets der Moralist im Vordergrund. In Soldaten (1967) kratzte er am Churchill-»Denkmal«, in Ärztinnen (1980) zog er vehement gegen die Praktiken der Pharmaindustrie zu Felde, in Judith (1984) lässt er einen amerikanischen Präsidenten nach einer Liebesnacht mit einer Journalistin sterben, in Unbefleckte Empfängnis (1989) setzt er sich für die Legalisierung der Leihmütter ein. Und schon vor der Aufführung von Wessis in Weimar entstand im Frühjahr 1992 nach einem Vorabdruck im Manager Magazin eine heftige öffentliche Kontroverse.
Als »Schmierensteher für Meuchelmörder« bezeichnete der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm den Autor, und auch Bundeskanzler Helmut Kohl fühlte sich zu einer öffentlichen Rüge des Stücks veranlasst, das den Mord am ehemaligen Treuhand-Chef Rohwedder noch einmal auf die Bühne brachte. Nicht nur beim politischen Establishment stieß der in Basel und Berlin lebende Autor mit diesem Stück auf Unverständnis. Auch nach den Inszenierungen in Hamburg und Berlin gab es öffentliche Debatten, in denen Hochhuth sein Stück als »fehlinterpretiert« bezeichnete.
Dennoch führte das umstrittene Stück zu einem Novum: Fast zwei Jahre nach der Uraufführung inszenierte Hochhuth im Dezember 1994 erstmals ein Stück selbst – allerdings nur auf einer Provinzbühne in Meiningen. Seine letzten Stücke Effis Nacht (1996), Arbeitslose (1999) und McKinsey kommt (2004) und Heil Hitler (2006) stießen dagegen nur noch auf wenig Resonanz.
»Mein neuer Essayband wird mein dickstes, aber wahrscheinlich auch mein letztes Buch sein«, hatte Hochhuth kürzlich auf der Leipziger Buchmesse erklärt. Der 1600 Seiten umfassende Band enthält Essays, Prosa und Gedichte aus den letzten fünf Jahren und wird im Mai im Rowohlt Verlag erscheinen.
Seinen 80. Geburtstag begeht Hochhuth heute* fern der Heimat mit einer Lesung seines Theaterstücks Soldaten im russischen Wolgograd.
