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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:00

Wie in einem Spiegel - Sasom i en spegel (Schweden 1961)

31.03.2011

Andere Stimmen, andere Räume

Der Spiegel hat zwei Seiten. Das Wirkliche ist auch unwirklich. Das Gleiche ist auch gegensätzlich. Das Eingebildete ist real. Was klar scheint, ist verzerrt. Was verzerrt ist, ist klar. Die Wahrheit ist ein Wahnbild, und Wahn ist Wahrheit. »Ich bin in der einen Welt und dann in der anderen«, sagt Karin. Wie in einem Spiegel sehen Ingmar Bergmanns Figuren die Welt. LIDA BACH folgte ihrem Blick anlässlich der Ingmar-Bergmann-Ausstellung.

 

Vier Menschen entsteigen dem Spiegel in der ersten Szenen von Bergmans psychoanalytischem Seelendrama. Auf dem alten Familienanwesen verbringen die junge Karin (Hariette Andersson), ihr Vater, der Schriftsteller David (Gunnar Björnstrand), ihr kühler Gatte Martin (Max von Sydow) und ihr Bruder Peter (Lars Passgard) den Sommer. An diesem Erinnerungsort strecken die Geheimnisse der Vergangenheit ihre Hände nach der Familie aus. Karin wollen sie nicht mehr freigeben.

 

»The mirror crack'd from side to side;

›The curse is come upon me‹ cried

The Lady of Shalott«

(Alfred Lord Tennyson)

 

Sie habe Gott gesehen, meint Karin, und er sei eine Spinne. Jener Spinnengott aber ist ihr Vater. Er überantwortet seine Tochter der medizinischen Betreuung und überlässt sie somit auch Krankheit und Tod. Längst nimmt er Karin nicht mehr als fühlendes Individuum wahr, sondern als Protagonistin seines literarischen Werks. Diese Erhöhung zur künstlerischen Figur in Davids Schaffen ist gleichbedeutend mit ihrer Erniedrigung zum Gegenstand seiner Inspiration.

 

Er habe sich an Karin versündigt, gesteht David in einer Szene. Er hat seine Tochter begehrt. Diese Andeutung des Inzestuösen, auf das die in der Familie vererbte Geisteserkrankung eventuell zurückzuführen ist und das im Unterbewusstsein der Protagonisten präsent bleibt, hat Karin mit ihrem Bruder Peter ausgelebt - und darin exorziert. Dafür muss sie - wie sie längst vorausahnt - bestraft werden: »Ich bin böse«, sagt sie ihrem Ehemann Martin einmal. Im Angesicht einer maskulinen Dreifaltigkeit, der des Vaters, des Sohnes und ihres vergeistigten Mannes, ist sie dem Trost von Fremden überlassen. Gefangen und entronnen in ihren Wahn.

 

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