Interview: Teitur Lassen
02.04.2011
Der Popstar von nebenan
Es gibt jede Menge Interpreten, die im Live-Test nicht bestehen und einen positiven Tonträger-Eindruck auf der Bühne nicht wiederholen können. Andere wiederum überzeugen zwar musikalisch, sorgen dafür spätestens im Interview durch Ignoranz oder Arroganz für Ernüchterung. Nicht so Teitur Lassen: Der Mann von den Färöern sorgt mit seinen Alben für Lobeshymnen bei Kollegen und Pressevertretern, ist ein Musiker, der auf der Bühne besteht – und nicht zuletzt ein äußerst sympathischer Gesprächspartner fern aller Starallüren. TOM ASAM traf ihn in München.
Als sich meine Schwester, die sich nicht allzu viel aus Musik macht, für eine große Reise einen mp3-Player zulegte, machte ich diesen randvoll mit Alben. Von Beatles bis Arcade Fire, von Nick Drake bis Nada Surf waren da zahlreiche Popklassiker der letzten 45 Jahre vertreten. Das Einzige, worauf sie mich nach einem Jahr on the road diesbezüglich ansprach, war »dieser Teitur« und sein Debutalbum Poetry and Aeroplanes aus dem Jahr 2003!
Diese Anekdote gefällt Teitur natürlich. Besagtes Album, damals beim Major Universal erschienen, gefiel auch Kritikern und Kollegen – Aimee Mann, John Mayer und Rufus Wainwright – nahmen ihn mit auf ihre Touren, einzelne Songs landeten gar auf Soundtracks für Hollywood-Blockbuster. Daraus macht sich Teitur, der einfach seinen Vornamen zum Künstlernamen machte, eher nicht viel. Auf die Hintergründe zur Trennung von Universal geht er nicht wirklich ein. Zu einfachen »böser Major/gutes Indielabel«-Kommentaren (er gründete mit seinem Manager zusammen sein eigenes Label, Arlo and Betty Recordings) lässt er sich gar nicht erst hinreißen. Und gegen Hollywood bzw. L.A. hat er auch nichts.
Eine zeitlang hat er gar in der verrückten Metropole gewohnt, einigen Songs auf dem neuen Album Let the dog drive home bescheinigt er selbst grinsend »eine Art cheesy California Feeling«. Selbst scheint er das positive Denken der Kalifornier mit der ruhigen, bodenständigen Art der Nordeuropäer bestens zu vereinen: »Nach den letzten Jahren in London lebe ich jetzt wieder überwiegend in Dänemark (wo der gebürtige Färinger mit seiner Familie als Jugendlicher hinzog), ich habe aber letztes Jahr ein Haus auf der Insel gekauft, wo ich im Sommer einige Monate verbringe.« Dort gibt es einfach Zeit, um konzentriert zu arbeiten und Kräfte zu sammeln. »Schreiben kann ich auch in der Stadt. Eindrücke sammle ich auf Tour. Aber die einzelnen Teile zusammensetzen, das geht dort am besten«, erklärt er.
Die besondere Atmosphäre der Ruhe vor dem Sturm kann man im Nordatlantik zwischen Norwegen und Island auch bestens genießen, wie auf dem Song Stormy Weather beschrieben. Oder am Kata Hornid mit einem Kaffee und einer Kippe genüsslich das sonntägliche Inseltreiben beobachten. Kata Hornid ist der Titel einer 2007 in färöischer Sprache veröffentlichten – und hierzulande nicht im Laden zu findenden – Platte. Er bedeutet nichts anderes als »Happy Place«.
Ich erzähle Teitur, dass er 2008, beim Münchner Konzert seiner The Singer-Tour, das letzte mitgeführte Exemplar einer Zuschauerin von der Bühne aus in die Hand drückte, und ich es folglich im Anschluss nicht am Merchandise-Stand erwerben konnte. Als er die Frage, ob er diesmal wieder ein paar Exemplare dabei hätte, verneint, setzt er sofort wie selbstverständlich hinzu: Schreib mir deine Adresse auf, ich schick dir ein Exemplar!
Obwohl seine Stücke durchaus auch melancholisch geprägt sind und seine Texte auch nachdenklich machen, ist Teitur unkompliziert und voll positiver Ausstrahlung. Er plädiert dafür, »einfach mal locker zu lassen, auf das vertrauen, was kommt«. Nichts anderes ist mit Let the dog drive home gemeint. Es handelt sich dabei keinesfalls um ein geläufiges Sprichwort, sondern um einen eigenen Einfall. Irgendwie kommt man schon dahin, wo man hin will!
Teitur will erstmal auf die Bühne des Münchner Ampere, die er zwei Stunden nach unserem Gespräch und exakt drei Jahre nach seiner letzten Tour mit seinem neuen Team erklimmt. Nachdem er jahrelang mit verschiedenen internationalen Musikern durch die Lande gezogen ist, hat er nun einen alten Schulfreund und zwei weitere Bekannte aus Kopenhagen an seiner Seite. An diesem Abend bestimmen die Songs des aktuellen (in Kopenhagen aufgenommenen!) Albums das Programm. Es gibt aber auch ältere Highlights wie die solo vorgetragene Songwriter-Perle Josephine oder den diesmal in stoisch-unterkühlter Weise interpretierten Anti-Lovesong Don´t let me fall in love with you.
Auch wenn die instrumentale Vielfalt der 2008er Tour, als man kammermusikalische Unterstützung mitbrachte, nicht erreicht werden kann, ist es wie gewohnt ein abwechslungsreiches und gefühlsintensives Konzert. Dass jedermann einen Song schreiben kann, erklärt Teitur, indem er erläutert, dass eine Geschichte der Ausgangspunkt eines jeden Songs ist. »Ihr kennt das doch auch, da sitzt ihr mit der Familie am Essenstisch und dieser – sagen wir mal – ukrainische Cousin ist als Gast da. Und wie immer packt Vater seine alte Story aus der Unizeit aus. Da habt ihr schon euren Song, ein paar Akkorde dazu, zack, fertig.«
Auch wenn ich Catherine, the waitress und den Favoriten meines Teitur-Lieblingsalbums Stay under the Stars, I run the caroussel vermisse – gehe ich, wie ca. 150 weitere Besucher, mit einem breiten Grinsen im Gesicht nach Hause. Ohne Hund.
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