Mike Loos (Hrsg.): Strichnin Nr. 3
07.04.2011
Ein Spiel mit Bildern
Strichnin, das mit dem Max-und-Moritz-Preis ausgezeichnete Comic-Magazin von Illustrations-Studenten der Hochschule Augsburg, ist zum dritten Mal erschienen und im Rahmen einer Ausstellung vorgestellt worden. Bildergeschichten an einer Grafik-Schule – das ist ein nicht ganz unproblematisches Verhältnis, findet ANDREAS ALT.
Comics als verschärftes Training für angehende Illustratoren: So wird der Zweck der Anthologie definiert. Eine Bildfolge erfordere extrem genaue Planung, filmisches Denken und eine kluge Kombination von Text und Bild – und das unter großem Zeitdruck. Professor Mike Loos, in dessen Illustrationsklasse der aktuelle Strichnin-Band mit dem Leitthema Zu spät entstanden ist, versteht sich nicht als Entwicklungshelfer für das Medium Comic, auch wenn er einst selbst in der semiprofessionellen Comic-Szene aktiv war. Er ist vielmehr alarmiert, wenn ein Hochschul-Kollege bei ihm ein Exemplar bestellt – will der etwa wissen, was für ein Schund bei Loos produziert wird? Erleichtert sagt er: „Comics hatten in meiner Jugend einen Hautgout, aber heute überhaupt nicht mehr.“
Aus der Sicht eines Comic-Lesers ist der Band nicht uninteressant, auch wenn den Arbeiten der acht beteiligten Künstler meist anzusehen ist, dass sie nicht unbedingt große Comic-Fans sind. Loos sagt, er habe mit „Nerds“ oft Probleme, weil die immer nur bestimmte Klischees aufs Papier bringen wollten: „Mit denen, die mit Comics nicht viel Erfahrung haben, kann man besser arbeiten; die sind frischer und neugieriger.“ Wer von seinen Studenten keinen Comic zeichnen wollte, konnte sich stattdessen an einem Coverentwurf versuchen – „das ist eine typische Illustratorenaufgabe“, so Loos. Die fast immer sorgfältig und souverän bewältigt wurde, wie nach Betrachtung der 17 im Buch abgebildeten Versionen ergänzt werden kann.
Foto: Andreas Alt
Zeichner nutzen Ausweichstrategien
Wie Loos bei der Präsentation sagte, ist der Druck vom ersten bis zum dritten Band immer größer geworden. Strichnin # 1 (2007) sei ganz locker geplant und spielerisch erarbeitet worden, # 2 (2008) habe schon einen höheren Anspruch und eine entsprechende Fallhöhe aufgewiesen. Bei # 3 seien geradezu Versagensängste aufgetreten. Davon ist im gedruckten Band nichts zu sehen, aber man erkennt mitunter Ausweichstrategien.
Anna Gallenberger, Sarah Stowasser, Tina Klinger und Nico Speck verzichten auf Sprechblasen, damit auf Dialog, wenn auch nicht gleich auf eine linear erzählte Geschichte. Mit ihrem Comic Cubicled vollzieht Klinger einen ungewöhnlichen Perspektivwechsel von einem Buchhalterbüro zu einem Computerbit. Stowasser zeigt in Schönwettermann die Begegnung mit einem „Mr. Right“, was sich aber als Haschen nach Wind erweist. Speck entfernt sich mit seiner Sequenz Anfang, die Motive von Geburt und Tod in schwarz-weiß schraffierten Ganzseitenbildern verquirlt, wohl am weitesten von einem konventionellen Comic. Gallenberger ist mit drei Kurzcomics vertreten, von denen zwei sich mit nicht geglückter Kommunikation beschäftigen, während der dritte mit der Vision eines Meditierenden spielt.
Ein Spiel mit Bildern inszeniert auch Florian Schläffer in seinem Beitrag Der Anachronist. Er porträtiert einen alten Walfänger, der vergangenen Zeiten nachtrauert. Dazu blickt er in eine Art Schneekugel, in der sich in diesem Fall ein schwimmender Wal befindet. Schließlich sieht er ein echtes Tier in Strandnähe auftauchen und fährt noch einmal mit seinem Boot hinaus. Ob es noch Wale gibt, lässt der Zeichner jedoch offen. Unklar bleibt sogar, ob der alte Mann tatsächlich aufs Meer fährt oder ob er das nur träumt. Diese Story lässt sich in einem Comic gut darstellen, aber Schläffer legt den Akzent sehr stark auf die nur mit der Zusatzfarbe Blau kolorierten Bilder und kommt weitgehend ohne Text aus.
Foto: Andreas Alt
Verschränkung von Wirklichkeitsebenen
Noch eine – diesmal eindeutig irreale – Vision: Nostalgie von Katharina Netolitzky. Ein Mann denkt an seine Jugend zurück, eine Zeit, in der er mit seinen Freunden auf der Straße Fußball spielte. Dann wird er zum Mittagessen ins Haus gerufen. Die Mutter erwähnt den schwerkranken Großvater, und der Junge verlässt den Mittagstisch. Der Leser versteht jetzt, dass er sich in der Erinnerung des Mannes befindet, der in Gedanken den Großvater kurz vor dessen Tod noch einmal besucht. Damals hat er es versäumt. Und jetzt wird klar, dass der Mann inzwischen selbst auf dem Totenbett liegt und sich dadurch endlich von einer Last befreien will, die er sein ganzes Leben lang mit sich herumgeschleppt hat. Netolitzky verwendet alle Stilmittel des Comics, aber ähnlich wie Schläffer hauptsächlich zu dem Zweck, verschiedene Wirklichkeitsebenen zu verschränken.
Der längste Comic des Bandes ist Die Reise von Alexander Kohler. In Stil einer Fabel (sprechende Tiere, keine anthropomorphen Comicfiguren) erzählt er von dem unternehmungslustigen Jungschwein Tobi, dem es auf seinem Biohof eigentlich rundum gut geht, das sich jedoch immer wieder dem Traum von einem aufregenderen Leben in der Ferne hingibt. Schließlich darf es in einem großen Lastwagen verreisen – der aber bringt es in den Schlachthof. Nach dem erschreckenden Ende unter dem Messer des Metzgers fügt Kohler einen ziemlich abgedrehten Epilog an, der davon handelt, wie Tobis Fleisch in alle Welt ausgeliefert wird – vielleicht auch, um ein wenig zum heiteren Grundton des Comics zurückzukehren.
Foto: Andreas Alt, Prof. Loos stellt mit Badehose das Covermotiv nach.
Der Tod - ziemlich unmotiviert
Durchgängig beim Sarkasmus bleibt Leo Janke in seinem Comic Freund Hein lässt schön grüßen. Es geht um einen Mann, der sich umbringen will, aber aus unerfindlichen Gründen nicht sterben kann. Nach mehreren gescheiterten Selbstmordversuchen läuft ihm schließlich der Tod über den Weg, der wenig motiviert scheint, seine Arbeit zu tun. Während der Lebensmüde endlich sterben will, sucht der Tod das Weite und reicht flugs seine Kündigung ein. Die ziemlich schwarze Komödie endet auf dem Arbeitsamt. Das Motto Zu spät wurde von den Studenten also häufig mit dem Tod assoziiert. Mehrfach wurde der Comic als Mittel der Vermischung von Wirklichkeitsebenen, dem Changieren zwischen Traum und Wirklichkeit benutzt.
Insgesamt erweisen sich fast alle Beiträge grafisch überzeugender als inhaltlich, was nicht an schwachen Storys, sondern an überdurchschnittlichen gestalterischen Fähigkeiten liegt – für Illustrations-Studenten allerdings nicht unbedingt überraschend. Bei keinem der Künstler drängt sich freilich der Eindruck auf, er sei für das Medium Comic prädestiniert und habe darin noch wesentlich mehr zu sagen. Dozent Loos hat das Projekt Strichnin freilich so entschieden vorangetrieben, dass es beim jüngsten Comic Salon in Erlangen mit dem Max-und-Moritz-Preis für die beste studentische Publikation ausgezeichnet wurde. Inzwischen arbeitet Loos, auch befördert durch die Auszeichnung, mit einer neuen Illustratorenklasse am vierten Strichnin-Band, der die Überschrift Was bisher geschah / Fortsetzung folgt oder eventuell Fundstücke tragen soll. Wertvolle Anregungen für Amateur-Comic-Zeichner enthalten die bisher erschienenen Ausgaben allemal.
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