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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:11

City Life: Urbane Wohnporträts

14.04.2011

Inneneinrichterporno

Der Fotoband »City Life. Urbane Wohnportraits« ist so steril wie eine Mischung aus IKEA-Katalog der gehobenen Klasse und Inneneinrichterporno. Leider enthält er weder Portraits noch Wohnungen. Von JAN FISCHER

 

Im Internet ist die Sache etwas komplizierter, aber am Bahnhofskiosk kann man das gut sehen: In den Hochglanz-Pornozeitschriften nämlich, diesen labbrigen Dingern, die auf dem demselben Papier gedruckt sind wie diese Rätselzeitschriften, die alte Frauen immer im Zug lesen. Die Sache mit den Frauen, die in diesen Pornozeitschriften abgebildet sind, ist nämlich diese: Sie haben nichts mit Frauen gemeinsam, die außerhalb dieser Zeitschriften existieren, es sind mehr so etwas wie Kunstobjekte, sorgfältig am Computer erschaffen und zurechtdesigned: Es mögen einmal Frauen gewesen sein, die da vor einer Kamera standen. Sobald sie in diesen Zeitschriften sind, werden sie zu Photoshop-Basteleien.

 

Die ständige Angst, die Blumenvase stünde falsch

Und damit hätte man eigentlich schon City Life. Urbane Wohnportraits beschrieben: Möglicherweise wohnen Menschen in den abgebildeten Wohnungen, genau, wie die Frauen in den Pornozeitschriften Brüste haben. Das ist aber auch schon alles, was sie mit Wohnungen gemeinsam haben: Der Rest ist Designobjekt und sieht aus, als sei es nur eingerichtet worden, weil irgendwann mal jemand vorbeikommen und es fotografieren könnte, und als lebten diejenigen, die dort wohnen in der ständigen Angst, wenn es denn soweit ist, könnte dieser eine Sessel oder vielleicht auch nur eine Blumenvase nicht mehr ganz am richtigen Platz stehen.

 

»Schön« im klassischen Sinn - also langweilig

Von vorne: City Life. Urbane Wohnportraits soll, so steht es hinten drauf, »individuelle Stadtwohnungen in Deutschland, Belgien, England, Frankreich und Holland« abbilden, der Band sei »für Bewunderer schöner Dinge, brillanter Fotos und guter Texte.« Nun, was mit brillanten Fotos gemeint ist, ist ein wenig unklar, eines sind sie auf jeden Fall: Schön, in einem ganz klassischen Sinn: Fluchtpunkt, Goldener Schnitt, diese ganzen Bildharmonieregeln aus dem Leistungskurs Kunst lassen sich exemplarisch an wirklich jedem einzelnen Foto in diesem Band aufzeigen; dazu noch satte, miteinander harmonierende Farben. Wohnungsstillleben nach allen Regeln der Kunst: Schön im klassischen Sinn heißt leider auch langweilig. Es ist einer dieser Coffee-Table-Bände, die man auf den Wohnzimmertisch legt, ein Buch zum Vorzeigen, und dementsprechend, behauptet zumindest das Vorwort, sei es selbst schon ein Designobjekt. Was das Buch von anderen großformatigen Bildbänden unterscheidet, ist genauso wenig klar wie die Bedeutung des Wortes »brillant« im Klappentext, aber es wird wohl die Schriftart sein, die in den Überschriften eine andere ist als im Fließtext, der im Übrigen auch manchmal weiß gedruckt ist, auf schwarzem Hintergrund.

 

IKEA-Katalog der gehobenen Klasse

Aber gut, was soll‘s: Das eine ist ein Klappentext, der darf übertrieben und unrealistisch sein, das andere ein Vorwort – da ist ein bisschen Selbstlob auch in Ordnung. Das große Problem an dem Band ist, dass er Wohnportraits verspricht. Also zeigen soll, wie Leute wohnen – nicht unbedingt die Leute, aber doch die Wohnungen. Was man dann in die Hand bekommt, ist eher ein IKEA-Katalog der gehobenen Sorte: Die Wohnungen mögen individuell eingerichtet sein, aber das sind IKEA-Showrooms auch. Das alles vermittelt den Eindruck, als wohne niemand in diesen Wohnungen, sondern als würden sie einem jetzt zum Verkauf angeboten: Alles sieht steril aus, so, als seien die Betten nicht dazu gedacht, dass jemand darin wohnt. In City Life. Urbane Wohnportraits ist alles nur ein bisschen teurer als bei IKEA, aber das ist dann schon der einzige Unterschied.

 

Und da wären wir wieder am Bahnhofskiosk: Wenn Schöner Wohnen die Praline unter den Inneneinrichterpornos ist, dann ist City Life. Urbane Wohnportraits der Playboy: Immerhin doch ein bisschen geschmackvoller als die unterste Schublade – und die Augen der Models sind nicht ganz so tot.

 

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