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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:16

Beastly

15.04.2011

Bestie Mensch

»Beautiful people get it better«, weiß Kyle Kingson. Weil er gut aussieht, wird er von seinen Mitschülern an der High-School angehimmelt. Weil Kingfather alias Mr. Kingson gut aussieht, ist er erfolgreich und kann seinem Thronsohn ein astronomisches Taschengeld zahlen. Weil er gut aussieht, spielt der talentlose Alex Pettyfer die Hauptrolle in Beastly. Weil gutes Aussehen im Kino besser ankommt, inszeniert Daniel Barnz seine Teenie-Romanze in Hochglanzschönheit. LIDA BACH fand die Märchenverfilmung dennoch hässlich.

 

»People like people who look good«, glaubt der selbstverliebte Kyle. Wer anderes behaupte, sei dumm oder hässlich. Hässliche Menschen sind Kyle zuwider, der offenbar niemals Antoine de Saint-Euphrey gelesen hat. Dass man nur mit dem Herzen gut sieht, lehrt ihn die zartfühlende Lindy (Vanessa Hudgens). Eine Zukunft scheint die Romanze nicht zu haben, denn auf Kyle liegt ein Fluch. Seine Erscheinung spiegelt seitdem seinen abstoßenden Charakter. Findet er in Jahresfrist keine Schöne, die ihn liebt, muss er für immer Biest bleiben.

 

Das Tier in Dir

»Jeder kennt diese Geschichte«, seufzt Lindy. Der krude Teenie-Trash, den Regisseur und Drehbuchautor Barnz aus La Belle et le Bete macht ist keine Adaption, sondern eine Perversion des Kunstmärchens. Kyles Veränderungen sind rein physisch. Dahinter bleibt er der Narziss des Filmanfangs. Lindys Zuneigung will er, um den Fluch zu brechen. Es triumphiert nicht »Substance over style«, wie Lindsy sich selbst beschreibt, sondern Stil über Substanzialität. Bestraft wird Kyle, weil er zu wenig auf Äußerlichkeiten achtet. Hätte er die äußeren Warnzeichen beachtet, wäre er nicht von der High-School-Hexe verflucht worden. »Steer clear of the witch!«, verspotten Kyles Freunde das Gothic-Girl Kendra. Die Warnung hätte Kyle besser ernst genommen. Gruftis sind im Mainstreamkino Satanisten, Untote oder Hexen. Letztes ist Kendra, die von Mary-Kate Olsen chargiert wird. Von Zwillingen ist bekanntlich immer eine die Böse. Bei den Olsen-Schwestern ist dank Beastly nun geklärt, welche das ist.

 

Ganz außen hängt die Etikette. Kyle hat dagegen verstoßen, da er keinen Hehl aus seiner Arroganz macht. Wie wichtig Umgangsformen sind, weiß selbst ein Blinder. Letzter heißt Will (Neil Patrick Harris) und wird der Privatlehrer des Biestes, das sich in einem mit Efeu überwucherten Luxusappartment verbirgt. Mit dem blinden Will und der jamaikanischen Bediensteten Zola (Lisa Gay Hamilton) hat Kyle zwei Mehrfach-Randgruppenvertreter um sich: eine farbige, arme Einwanderin und einen Behinderten. Die Klischee-Figuren sollen Kyle die Augen öffnen, auf dass er blind werde für Äußerlichkeiten. Tatsächlich lernt er, sich blind zu stellen. Nicht anders verhält es sich mit den übrigen Figuren. Kyle besitzt mehr als Schönheit, das ihn attraktiv macht: Geld. Weil sie bezahlt werden, sind Zola und Will bei ihm und weil er die materiellen Mittel hat, sie zu umwerben, gewinnt er Lindy.

 

Wahre Schönheit kommt von innen, lautet die Lehre. Doch Beastly kann keine Botschaft vermitteln, die er selbst nicht glaubt. Die Szenerie gleicht der eines Paralleluniversums, in dem Makellosigkeit die Norm ist. Die Stadt, die Wohnungen, die Protagonisten bis zur kleinsten Nebenrolle sind schön. Einzig Lindys drogensüchtiger Vater, der ihr Leben in Gefahr bringt und sie dem Biest ausliefert, ist unattraktiv. Bezeichnend für die Heuchelei hinter der Mär von inneren Werten ist was Barnz als Beastly definiert. Im Märchen brauchte es noch Klauen, ein Löwenhaupt und Fangzähne, um einen Menschen zum Biest zu machen. In der biederen Mainstream-Filmwelt genügen eine Glatze, Narben und Tätowierungen. Vorrangig durch Körperkult geschaffen, ist das als hässlich Deklarierte Ausdruck anderen ästhetischen Empfindens. Im bigotten Szenario von Beastly ist solch ein anderes Schönheitsverständnis nicht tolerierbar.

 

Ursprünglich sollte das Filmbiest auch Piercings tragen. Die spart sich Kendra vermutlich für Mr. Kingson auf, in dessen Büro sie gen Filmende stolziert. Eigentlich kann einem berufstätigen alleinerziehenden Vater niemand vorwerfen, dass er mit Rabensohn Kyle nicht noch sein freies Wochenende verbringen will. Doch die Zielgruppe von Beastly sind die 8- bis 14-Jährigen und die wollen sehen, dass desinteressierte Eltern bestraft werden. Mit Nasenstecker und Bauchnabel-Glitzerkugel verpassen sie Kingsons Karriere garantiert einen Dämpfer. »People like people who look good.« Wer anderes behaupte sei dumm oder hässlich, posaunt der oberflächliche Liebeskitsch, damit die Gefühlsmenschen im Publikum vehement widersprechen. Dabei ist die Behauptung nicht falsch, sondern nur die halbe Wahrheit. Menschen mögen Menschen, die schön aussehen. Und wer anderes behauptet, ist entweder dumm – oder schön. Die Schönen sind sich des Werts ihres Aussehens selten bewusst. Die Hässlichen und Unscheinbaren hingegen wissen meist verbittert, wie vorteilhaft Schönheit sein kann.

 

Von innen kommt wahre Schönheit nur im Kino: Schauspieler, Handlung und Inszenierung machen einen gelungenen Film aus; nicht glatte Optik und seelenlose Schönheit. Masochisten können sich während des Abspanns romantische Urlaubsfotos der tollen Weltreisen ansehen, welche die beiden Reichen und Schönen mit den Millionen von Kyles Vater antreten (während der böse Papi höchstwahrscheinlich verhext im Exil schmort). In einem Punkt jedoch hat Beastly recht: »Beautiful people get it better.«

 

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