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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:17

Walt Disney: Die Schöne und das Biest

15.04.2011

Sexy Beast

»Es war einmal« heißt die vielleicht schönste Verfilmung von Die Schöne und das Biest. Und es war einmal ein Königreich, worin alles makellos war. Nur einer war äußerlich rauer, weshalb er als besonders galt. Darunter jedoch glich er den anderen. Er versteckte es nur geschickter. Die Geschichte ist die von Walt Disneys Beauty and the Beast. LIDA BACH suchte innere Werte unter der optischen Schönheit.

 

Der Plot des einzigen Zeichentrickwerks, das für einen Oscar als bester Film nominiert wurde, ist bekannt. Die junge Belle lebt mit ihrem exzentrischen Vater in einem an das ländliche Frankreich erinnernden Märchendorf. Statt auf die Avancen des selbstherrlichen Jägers Gaston einzugehen, interessiert sich Belle für Romane. Auf einer Reise gerät ihr Vater in ein düsteres Schloss, dessen Herr – als Strafe für seine Gefühlskälte – in ein Untier verzaubert wurde. Weil er die Gastfreundschaft des Biestes verletzt, nimmt es ihn gefangen und lässt ihn erst gehen, als Belle anstelle ihres Vaters im Schloss bleibt. Ihre Güte besänftigt das Biest. Kann sie es trotz seiner Gestalt lieben, wird es erlöst und zu dem Prinzen, den sich Belle erträumt.

 

Seine anhaltende Popularität verdankt Die Schöne und das Biest nicht zuletzt dem Ruf, der erste einer Reihe moderner Zeichentrick-Klassiker der Disney-Studios zu sein. Die Heldin liest, singt »I want adventure in the great wide somewhere« und erwidert Gaston, er wisse nichts von ihren Träumen. »Today ist the day your dreams come true!«, behauptet Gaston zuvor und schildert seine Zukunftspläne für Belle als Mutter seiner Söhne und ergebene Gattin. Belle lehnt seinen Heiratsantrag ab. Später reitet sie persönlich zu ihrem Vater in das verwunschene Schloss.

 

Die Selbstbestimmtheit ist trügerisch. Emanzipatorisch waren lesende Frauen schon 1740 nicht mehr, als Gabrielle-Suzanne de Villeneuve die erste literarische Fassung des Volksmärchens niederschrieb, und 1991 erst recht nicht. Aussagekräftiger ist die Art ihrer Lektüre.

 

»It´s my favorite part because, you´ll see / Here´s where she meets Prince Charming / But she won´t discover that it´s him ´Til chapter three.« (Belle

Belle verkörpert das Klischee einer in Liebesromane und Abenteuerromanzen versunkenen Schwärmerin. Besonders schwärmt sie für ihren Zukünftigen, »Prince Charming«. Sie kümmert sich um ihren verwirrten Vater, ist fleißig, tierlieb, einfühlsam und sängerisch begabt – wie alle Disney-Prinzessinnen. Vor allem aber ist sie wunderschön. Auch im Märchen fordert das Biest, die Schöne müsse selbst sein Schloss aufsuchen. Hier ist es ihr Vater, der die Tochter für sein Leben verspricht. Die Filmadaption verkehrt seine Skrupellosigkeit ins Gegenteil. Entsetzt widerspricht Belles Vater, als sie sich als Gefangene anbietet. Die Vaterfigur im Original tritt in die Tradition grausamer Märcheneltern, die Kinder aussetzen, verstümmeln oder zu töten beabsichtigen. Belle hingegen opfert sich, wie es Disney-Helden müssen. Wer »verwöhnt, selbstsüchtig und unfreundlich« ist, wird gestraft – wie der verzauberte Prinz, den die Erzähler-Stimme mit besagten Eigenschaften charakterisiert.

 

Ihre vermeintliche Emanzipation ist verkappter Sexismus. Noch verlogener ist die dramaturgische Botschaft von innerer Schönheit. Der Prinz ist zu Filmbeginn trotz seiner Schönheit hartherzig. Im Disney-Film verstößt dies gegen die Naturgesetze und muss von einer Fee magisch korrigiert werden. Jähzornig und abweisend passt der Charakter des Biestes zur Gestalt. Nachdem es sich geändert hat, wird es erlöst und ist entsprechend seinem Inneren ein schöner Prinz. Ähnlich Cruella DeVil in 101 Dalmatiner, Captain Hook und Cinderellas Stiefschwestern ist Gaston nicht schön, sondern die ins Groteske übersteigerte Version von Attraktivität. Selbst die Dienerschaft des Biestes ist in Möbelstücke verwandelt, die den Charakter (und nach der Erlösung das menschliche Aussehen) spiegeln. Belle ist als Vorabbelohnung für ihre Tugend die Schöne – semantisch und optisch. Warum verrät die singende Dorfbevölkerung: »We don't like what we don't understand, in fact it scares us«

 

Was nicht offensichtlich ist, ist im wörtlichen Sinne un-geheuer. Oh, und Belles »Abenteuer im großen weiten Irgendwo«, die sie sich erträumt? Werden zertreten bei ihrem romantischen Tanz in Reichtum, Adel, Ehe und vermutlich Kinder. Das Happy End gleicht einer zynischen Erfüllung der Worte Gastons: »This is the day Your dreams come true.« Träume mögen wahr werden in Disney-Märchen, doch welche, bestimmt noch lange nicht die Heldin.

 

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