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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:18

 

Interview mit Michel Leclerc

21.04.2011

»Die Grundfrage heutzutage ist in Frankreich, was es bedeutet Franzose zu sein.«

Gleich drei Cesárs gewann die gewitzte Liebeskomödie Der Name der Leute von Michel Leclerc. Einen für Hauptdarstellerin Sara Forestier und einen für den französischen Regisseur. Mit Co-Autorin Bahia Kasmi teilt Leclerc indes mehr als den Preis für das beste Drehbuch. Auch privat sind beide ein Paar und die Hauptfigur von Der Name der Leute heißt nicht zufällig Bahia. Im Gespräch mit LIDA BACH verriet Michel Leclerc seine biografische Verbindung zu der Geschichte und den gesellschaftlichen Wandel, den Namen erfahren haben.

 

Wie hoch ist die Bedeutung des Namens in der Gesellschaft oder sind Namen nur Schall und Rauch?

 

Heutzutage kann man nicht mehr so einen Namen eins zu eins zuordnen. Was dadurch passiert ist, dass Namen sehr mit Vorurteilen behaftet sind. Es geht weniger um das Verhältnis zur Identität, was Namen heute haben, als um die Vorurteile. Das ist das, was Arthur Martin zeigt und, um dies abzuschließen: wenn man Levi heißt, muss man heute bei weitem nicht mehr jüdisch sein.

 

Ist es nicht eine gute Entwicklung, wenn die Bedeutung des Namens sich verringert hat?

 

Vorurteile gibt es nach wie vor. Das Positive lässt sich nur erkennen, wenn man sich dessen bewusst ist.

 

Manche glauben, für die Generation der 60er und 70er Jahre wären Religion und Nationalität weniger wichtig gewesen, während die Menschen sich heute wieder stärker darauf besinnen.

 

Bahia ist typisch für eine Person aus den siebziger Jahren. Sie glaubt eben noch daran, dass man die Welt verändern kann und sie glaubt daran, dass die Liebe die Welt verändern kann. Dass ist heute alles ein bisschen anders. Was uns wichtig war bei diesem Film, war, über diejenigen zu reden, die sich nicht auf sich selbst besinnen wollen, die sich nicht auf eine Gruppe oder auf ihre Herkunft konzentrieren wollen. Die dafür stehen, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, die sehr viel durchmischter ist. Wo der andere akzeptiert wird, wo man auch Ausländer eher akzeptiert.

 

In Ihrem Film ist der Name auch Symbol für den Umgang der Charaktere mit ihrer Familienbiografie. Wie bedeutsam ist dieser Aspekt, nicht nur im Bezug auf den Namen?

 

Um die Frage zu beantworten möchte ich trotzdem von den Namen ausgehen. Mein Name, Michel Leclerc, ist ein gewöhnlicher Namen. Man setzt voraus, dass ich immer Franzose war. Für Bahia Kasmi, meine Co-Szenaristin und meine Partnerin, ist es zur Gewohnheit geworden, weil man bei einem exotischeren Namen immer fragt: Woher kommst du?

 

Wie intensiv setzen Sie sich in Ihrem Film mit Ihrer eigenen Familienbiografie auseinander?

 

Es gibt im Film diese Szene, wo Arthur Martin Jugendlicher ist und Feststellt, dass er Mädchen anmachen kann, wenn er darüber erzählt, dass seine Großeltern in Auschwitz vergast wurden. Mir geht es jetzt manchmal auch so: Wenn ich über diesen Film mit Journalisten rede, mache ich die Journalisten damit an.

 

Wie meinen Sie »anmachen«?

 

Es ist eine sehr komplexe Geschichte, da ich dieses Familientabu gebrochen habe. Aber auf eine sehr öffentliche Art und Weise - mit einem Film – und letztendlich sehr intime Dinge behandele.

 

Sie kommentieren die gegenwärtige Politik sehr pointiert. Welche Dinge sollten heute in Frankreich beim Namen genannt werden?

 

Das ist sehr kompliziert. Die Grundfrage heutzutage ist in Frankreich, was es bedeutet Franzose zu sein. Treten wir das Erbe der Revolution an? Oder stehen wir im Erbe von Marschall Petin?

 

Kommt Ihr Name im Französischen oft vor?

 

Michel Leclerc ist ein sehr häufiger Name: Es gibt einen Michel Leclerc mit einem Geschäft, einen der ein eher unbekannter Musiker ist, dann einen Dichter in Quebec. Langsam fange ich an, sie alle zu kennen. Leclerc ist in Frankreich auch eine große Supermarkt-Kette. Es gibt da eine Anekdote – das hat jetzt nichts mit dem Film zu tun: Der Leclerc, dem die Supermärkte gehören, richtet auch Bestattungen aus. Eines Tages bekam ich eine sehr böse Mail. In der stand, dass die Beerdigung von Onkel sowieso überhaupt nicht gut über die Bühne ging und man würde mir den Prozess machen.

 

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