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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:19

Alejandro Jodorowsky / Theo: Der schreckliche Papst, Band 1: Giuliano della Rovere

12.05.2011

Der Metapapst des Comics

Der neue Alejandro Jodorowsky ist da! Mit Der schreckliche Papst: Giuliano della Rovere hat Jodorowsky den ersten Teil einer neuen Trilogie veröffentlicht, die sich wieder zweier seiner Lieblingsthemen widmet: Sex und der Korruptheit der katholischen Kirche. Von MATTHIAS ROSS

 

Dass Comics in Deutschland immer noch nicht die gebührende Wertschätzung erfahren, kann man überdeutlich am deutschen Wikipedia-Eintrag zu Alejandro Jodorowsky ablesen. Dort wird der Mann so eingeführt: »Alejandro Jodorowsky (geboren am 7. Februar 1929 in Tocopilla, Chile) ist ein chilenischer Regisseur, Schauspieler und Autor einer Reihe surrealer Filme.« Die Information, dass Jodorowsky auch Comics macht, findet sich nur unter ferner liefen im vorletzten Absatz. Gerademal zwei Sätze widmet die Wikipedia diesem Thema.

 

Dabei ist Jodorowsky einer der umtriebigsten und einflussreichsten Comic-Autoren der letzten vierzig Jahre. Sein erstes Werk, Anibal 5, erschien schon 1966 und seine Incal-Reihe (auf Deutsch: John Difool) wird immer wieder gehandelt, wenn die Frage nach dem besten Comic aller Zeiten gestellt wird.

 

Darum hier noch einmal für alle Comic-Einsteiger: Ja, Alejandro Jodorowsky macht auch Comics! Wer allerdings nur seine Filme kennt, auf den wartet eine ziemliche Überraschung: Keine Spur der rauschhaften Traumlogik, der seine mystizistischen Filme, wie El Topo und Santa Sangre, folgen. Stattdessen sind seine Comics, wie Die Metabarone oder Pietrolino, verblüffend geradlinig - und vor allem kohärent erzählt. So auch Der schreckliche Papst: Giuliano della Rovere, den Jodorowsky nun zusammen mit dem italienischen Zeichner Theo herausgebracht hat.

 

Spätrömische Dekadenz

Der schreckliche Papst ist eine direkte Forstsetzung zu Jodorowskys Borgia. Ging es dort noch hauptsächlich um das Leben und die (Schand-)Taten des Papstes Alexander VI., alias Rodrigo Borgia, so nimmt sich Jodorowsky nun seinen Nachfolger Giuliano della Rovere vor, der tatsächlich in die Geschichte einging als »der schreckliche Papst«. 

 

Rom im Jahre 1503: Der in der Blüte seiner Macht stehende Kardinal Giuliano della Rovere erfreut sich zusammen mit seinem jungen Geliebten Aldosi und seinem Sexsklaven Josaphat des Todes seines Erzfeindes Rodrigo Borgia. Della Rovere hat den amtierenden Papst heimlich vergiftet und macht sich nun auf, selbst dessen Nachfolge anzutreten. Doch noch sind ihm eine Reihe einflussreicher Kardinäle und Bischöfe im Weg ...

 

Der Comic erzählt eine recht ketzerische Geschichte, die an der katholischen Kirche kaum ein gutes Haar lässt. Sie beruht auf Tatsachen und ist akribisch recherchiert. Freilich gönnt sich Jodorowsky auch größere Freiheiten. So lässt sich heute zum Beispiel nicht mehr nachweisen, ob della Rovere tatsächlich homosexuell war, zumindest wurde es ihm noch zu Lebzeiten mehrfach vorgeworfen. Auch dass della Rovere Rodrigo Borgia mit einem Krug vergiftet, der zwei Kammern hat (in einer ist normaler, in der anderen vergifteter Wein), ist historisch nicht haltbar. Auf diesen Trick wäre Borgia in Wirklichkeit wohl kaum hereingefallen, brachte er seine Feinde laut Chronisten doch selbst auf diese Weise um. Zudem starb Rodrigo Borgia sehr wahrscheinlich eher an Syphilis.

 

Die Mafia als Kind der Kirche

Jodorowsky zeichnet das Bild einer dekadenten und moralisch verkommenen Kirche zu Beginn der frühen Neuzeit. Das ist nicht wirklich neu, jedoch gibt der Autor der Sache einen besonderen Twist, wenn er die damaligen Verhältnisse als Geburtsstunde der Mafia begreift. Im Interview auf der französischen Verlagsseite tätigt er die bezeichnende Aussage: »La mafia d'aujourd'hui est la fille de l'Église d'hier.«

 

Dieser Gedankengang wird im Comic nachvollzogen, wenn der Nepotismus am Heiligen Stuhl detailliert aufgeschlüsselt wird. Sowohl della Rovere als auch die Borgias fühlen sich in Der schreckliche Papst nur der eigenen Familie verpflichtet und nutzen ihre Macht ausschließlich dazu, den eigenen Wohlstand oder den der Familie zu mehren, während sie sich gegenseitig fröhlich abmurksen. Das macht für Jodorowsky den eigentlichen Kern des Systems der Mafia aus.

 

Insgesamt ist das sehr unterhaltsam erzählt und wirklich begeisternd umgesetzt. Theos sehr realitätsnahe und detaillierte Zeichnungen fangen gekonnt den Pomp der italienischen Renaissance ein und sehen einfach prächtig aus. Der schreckliche Papst ist ein großartiger Comic und zeigt das Team um Theo und Alejandro Jodorowsky in Bestform.


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