Aisha Franz: Alien
05.05.2011
Mädchen, Alien zu Haus
Achtung, dieses Buch enthält einen Alien! Trotzdem sollte man nicht zögern, es mit nach Hause zu nehmen. Von ALEXANDER FRANK
Der Comic-Roman Alien ist ein kleinformatiger, dicker Klotz, der es in sich hat. Das Debüt der 1984 geborenen Aisha Franz erzählt zwei Tage aus dem Leben dreier Frauen - zwei Schwestern und ihrer Mutter. Jede muss sich mit einem Gegenüber auseinandersetzen, jeweils mit zweifelhaftem Erfolg. Bei der großen Schwester ist es ein cooler Verehrer, der vielleicht doch ein schwanzgesteuerter Vollidiot ist. Bei der Mutter ist es ihr Alter Ego, das als provokatives Phantasma des verpassten, besseren Lebens dem Fernseher entsteigt, um sie zu quälen. Ja, und bei der kleinen Schwester ist es ein Alien. Sie findet ihn in einem Kornfeld und versteckt ihn vorerst zu Hause in einer Truhe, die sie sicherheitshalber mit einem Stapel Bücher beschwert.
Die Wolken und der Strich
Man sollte sich weder von dem Außerirdischen noch von den auf den ersten Blick etwas unbeholfen wirkenden Zeichnungen abschrecken lassen. Aisha Franz zeichnet nur mit Bleistift, die Bilder wirken dadurch oft wenig ausgearbeitet und manchmal verschmiert. Außerdem scheinen die Gesichter ihrer Figuren eher Kinderhänden entsprungen zu sein. Aber schon nach wenigen Seiten wird deutlich, dass sie ihre Mittel genau zu wählen und einzusetzen weiß. So ähnlich sich die Gesichter der drei Hauptfiguren auch sehen mögen, so differenziert kann man von Bild zu Bild die Entwicklung ihrer Gefühle und Gedanken ablesen.
Viele Seiten haben ein festes Schema von drei mal vier Panels, daraus ergibt sich eine große Zahl kleiner Bilder, die Details und kleine Veränderungen genau zeigen – und außerdem die kleine, begrenzte Welt der Protagonistinnen spiegeln. Aber dieses Raster wird immer wieder aufgebrochen. Durch einzelne Bilder, die ganze Seiten ausfüllen oder randlos in ihre Mitte gesetzt sind. Und durch Bleistiftwolken, die offenbar die Kraft haben, die Randlinien zu überwinden: Zigarettenrauch, Abgasqualm, manchmal die Schallwellen eines Liedes. Kleine Ahnungen einer Utopie, die sich der Herrschaft des Strichs entgegenstellt, welche selbst eine harmlose Spielplatzwiese in ein Fakirbrett verwandeln kann.
Das Fremde
Was hat es nun mit dem Alien auf sich? Ist er nur ein Hirngespinst? Die radioähnliche Box, die er mitgebracht hat, ist offensichtlich zwar wenig funktionstüchtig, aber auch für die anderen Personen real. Letztlich ist er von den drei Kommunikationspartnern der Frauen der noch am wenigsten seltsame, mal abgesehen von den komischen Stangen, die aus seinem Kopf ragen. Das wirklich Fremde sitzt wohl in jeder der Figuren selbst. Sie stehen alle an Weggabelungen und fragen sich, welche der Abzweigungen sie näher zu sich selbst bringen könnte und welche nur weiter in die Fremde führt.
Aisha Franz: Alien. Berlin: Reprodukt Verlag 2011. 208 Seiten, 16 Euro.
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