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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:31

Mariolle / Tisseron: Shanghai1: Kind des Regens

29.09.2011

Chinese Blade Runner

Shanghai - Kind des Regens ist ein historisches Fantasy-Steampunk-Samurai-Politik-noir-Thrillerdrama. Etwas viel für BORIS KUNZ.

 

Shanghai, 1908: Die Stadt wird von drei Bossen der Triaden und von europäischen Besatzern beherrscht. Die chinesische Kaiserdynastie hat alle Macht verloren, Shanghai ist zu einem Sündenpfuhl verkommen, in dem der Opiumhandel mehr oder weniger alles und jeden beherrscht. Doch der abgesetzte und von seiner jetzt herrschenden Tante als verrückt gebrandmarkte Kaiser Guangxu schmiedet irrwitzige Pläne, um die Macht über Shanghai wieder an sich zu reißen...

 

Davon erfahren wir, die Leser, zunächst noch nicht viel, sondern begegnen vorerst der geheimnisvollen Yu Xin, einer Art weiblichem Samurai, einer Elite-Killerin des Triadenoberhauptes Kien Tang. Sie wird auf den Uhrmacher Wu Tau angesetzt, bei dem sie Schulden eintreiben soll, findet aber in dessen verwüsteter Werkstatt nur einen Waisenjungen mit einem eigentümlichen künstlichen Auge, der sie fortan auf ihrer Suche nach Wu Tau begleitet, dessen Verschwinden immer mehr nach einer vorgetäuschten Entführung und geplanten Flucht aus der Stadt aussieht. Derweil zieht der prunkvolle kaiserliche Staatszirkus in die Stadt ein, angeführt von der schönen Jade, die sich ihrerseits aus uns unbekannten Gründen auf die Suche nach Wu Tau begibt, halbwegs unterstützt von dem europäischen Drogenschmuggler Joan...

 

Wenn diese Zusammenfassung sich jetzt vielleicht ein wenig kompliziert und nicht wirklich packend anhört, sind wir schon beim Punkt!

 

Frauen in Babylon

Leider hat Mariolle seine Geschichte mit so vielen Aspekten vollgeladen, dass sie nur schwer Fahrt aufnehmen kann. Da ist zunächst einmal die nicht unkomplizierte politische und wirtschaftliche Lage von Shanghai, die dann auch von allen Protagonisten immer wieder durchgekaut wird, um den Leser die politischen Hintergründe des Settings nicht vergessen zu lassen.

 

Dann wird einem der Zugang zu den Hauptfiguren nicht leicht gemacht. Zwar verkündet der Klappentext, mit der »unbarmherzigen Kriegerin« und der »ungestümen Zirkusartistin« würden zwei Figuren aufeinandertreffen, die »unterschiedlicher nicht sein könnten« – man hat es aber beim Lesen leider schwer, die Protagonistinnen wirklich zu unterscheiden, sowohl in ihrer graphischen Ausgestaltung als in ihren Handlungen.

 

Beides sind toughe Frauen, die sich selbstsicher durch die Männerwelt um sie herum bewegen und dabei geheimnisvolle Ziele verfolgen. Und damit sind wir auch beim nächsten Problem: Während die Ziele von Jade völlig im Dunkeln liegen und erst mit dem überraschenden Ende des ersten Bandes ein Stück weit enthüllt werden, weiß Yu Xin selbst nicht so genau, warum es eigentlich so wichtig sein soll, diesen Uhrmacher zu finden. Damit bewegen sich zwei undurchsichtige Figuren mit rätselhaften Zielen durch ein kompliziertes Setting. Man kann es sich als Szenarist aber auch wirklich schwer machen.

 

Eastern Promises

Was man dem Comic dafür nicht vorwerfen kann, ist ein Mangel an Phantasie. Man hat es bei den sehr atmosphärischen Bildern des Debütanten Yann Tisseron zwar nicht immer leicht, den Überblick über die handelnden Figuren zu behalten, dafür aber gelingt es ihm, aus dem Shanghai der vorherigen Jahrhundertwende einen magischen und phantastischen Ort zu machen, eine Art asiatisches Steampunk-Babylon.

 

Tisseron spielt gekonnt mit dem sehr entschlossenen Einsatz von Farben, wobei er den jeweils dominanten Farbton von Szene zu Szene wechselt. Er erleuchtet die Düsternis des Szenarios mit zahlreichen Lichtquellen, die aber immer hinter Türen, hinter Wolken, hinter Fenstern oder in Papierlampions eingesperrt sind und die Dunkelheit dadurch eher betonen als durchbrechen. Er lässt es gerne regnen oder erfüllt die Luft mit wild umherfliegendem Herbstlaub (dessen dazugehörende Bäume dafür zu fehlen scheinen). Er weiß mit den Elementen chinesischer Architektur und Folklore umzugehen und schafft mit all diesen Elementen tatsächlich eine Atmosphäre, die an Blade Runner erinnert.

 

Allerdings versäumen es sowohl Zeichnungen als auch Szenario, den Leser darauf vorzubereiten, dass die Geschichte nicht nur in einem stilistisch überhöhten, sondern auch in einem Paralleluniversum spielt. Ziemlich spät im Album finden phantastische und retro-futuristische Elemente Eingang, die zwar schon angedeutet wurden, aber ein wenig zu dezent, um wirklich zu greifen. Das mag Absicht gewesen sein, dennoch irritiert es einen etwas, dass die Geschichte in dem Moment, wo man sich ein wenig zurecht gefunden hat, neue Kapriolen schlägt.

 

Am Ende hat man also eine Ahnung, wo es wohl hingehen wird, wie die zahlreichen eingeführten Figuren und Elemente zu einer Geschichte zusammenfinden werden, die wirklich spannend werden könnte, aber das bleibt zunächst ein uneingelöstes Versprechen. Man kann also nur hoffen, dass Shanghai in den Folgebänden an Fahrt gewinnt.

 

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