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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:34

Warren Ellis und Paul Duffield: FreakAngels Band 1

15.09.2011

Gemütlicher Weltuntergang

PETER KLEMENT hat im ersten Band von FreakAngels entdeckt, dass selbst der Untergang der Zivilisation den Alltag nicht totkriegen kann.

 

Warren Ellis mag keine Regierungen, Unternehmen oder Politiker. Folgerichtig sind die meisten seiner Graphic Novels energiegeladene Achterbahnfahrten, in denen Überindividuen der Gesellschaft mit stahlbekapptem Schuh in die Weichteile treten, um sie kurz darauf mal wieder vor ihrer eigenen Dummheit zu retten – oder ihr zumindest auf dem Weg nach unten noch ein von Herzen kommendes »Fuck you« mitzugeben. In Ellis' erstem crossmedial erscheinenden Onlinecomic steht zwar, wie der Autor es schätzt, auf jeder zweiten Seite mindestens ein »Wichser« oder »Fuck«, doch vieles wirkt entspannter.

 

Doomsday-Devices wider Willen

Dreiundzwanzig Jahre vor einem nicht näher genannten Datum werden zeitgleich zwölf seltsame Kinder mit violetten Augen, blasser Haut und übernatürlichen Kräften geboren. Sechs Jahre später stehen der Planet und damit große Teile Londons unter Wasser. In der postapokalyptischen Gegenwart beschützen elf der inzwischen erwachsenen Freak Angels eine kleine Gemeinde von Überlebenden mit ihren unterschiedlichen Fähigkeiten.

 

Motiviert durch das Wissen, dass sie selbst den Untergang der bekannten Welt zu verantworten haben, machen sie die einzigen trockenen Fleck in London, den Stadtteil Whitechapel, zu einer Oase inmitten einer von Salzwasser gefluteten Wüste. Doch wo relativer Wohlstand ist, da sind immer auch Neider, die bereit sind sich das Stückchen Paradies mit Waffengewalt unter den Nagel zu reißen.

 

Große Teile des ersten Bandes zeigen das beschauliche Leben in Whitechapel: Erdbeeren wachsen auf einem Dachgarten, auf dem Markt bieten die Bewohner Waren feil und der dampfbetriebene Wasserwagen bringt lebensspendendes Nass direkt vor die Haustür. Was würde Mad Max jenseits der Donnerkuppel für ein paar Erdbeeren und einen Schluck Wasser geben? Gelegentlich stören Einzelgänger auf Rachefeldzug und marodierende Banden die Idylle, doch darauf reagieren die selbsternannten Beschützer von Whitechapel ziemlich rabiat.

 

Warren Ellis ist Experte in Sachen überspitzter Gewaltdarstellung und so ist es nicht weiter verwunderlich, dass trotz aller Beschaulichkeit in Freak Angels die Fetzen fliegen: Dampfbetriebene Maschinenkanonen reißen fußballgroße Löcher und Hirn verteilt sich großzügig in der Landschaft. Der Band ist eine kuriose Kombination aus ruhigen Bildern, fluchenden Freaks und dampfgetriebener Massenvernichtung.

 

Graue Ruinen, grüne Gärten, neue Wege

Paul Duffield ist ein aufstrebender Zeichner, der hauptsächlich im Manga-Stil arbeitet. Seine Zeichnungen und Kolorierungen strahlen Ruhe aus und lassen selbst actionreiche Szenen auf eine seltsame Art friedlich wirken. Charaktere und Vordergründe sind durch Duffield extrem detailverliebt inszeniert und der Manga-Stil ist angenehm dezent.

 

Gekonnt nutzt Duffield das monotone Grau der zerstörten Großstadt, um die grünen Farbtupfer der Dachgärten und die violetten Augen der Freak Angels hervorzuheben. Verglichen mit anderen Werken von Ellis, die unglaublich farbenfroh sind, ist der Band sehr gedeckt gehalten. Die tristen Panoramen heben jedes bisschen Farbe umso mehr hervor und lassen den Blick auf den teilweise großartig kolorierten Panels verweilen.

 

Warren Ellis schlägt mit diesem neuen Zeichner neue Wege ein: Er verabschiedet sich von seinen überbordenden Panels, schaltet erzählerisch einen Gang zurück und experimentiert mit den Möglichkeiten der Onlinepublikation. Die dauerfluchenden Überindividuuen mit explosivem Temperament sind jedoch nicht wegzudenken. Im Unterschied zur Printausgabe sind online zwischen den einzelnen Seiten Statusupdates von Warren Ellis, die Ausblick auf den Fortschritt der Story geben und gelegentlich amüsante Entschuldigungen enthalten, wenn die wöchentliche Veröffentlichung ins Wasser fällt.

 

Es scheint als würde der zornige Inselbewohner zur Ruhe kommen. Früher hätte er für Erdbeeren keine Zeit gehabt.

 

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