Der Tanz als Vater des Gedankens
Im Inhaltsverzeichnis findet man nicht weniger als vierundzwanzig Kapitelnamen bzw. Kategorien. Ein jedes für sich würde Anlass für eine eigenständige wissenschaftliche Abhandlung bieten. In diesem Fall allerdings sind die einzelnen Themen sehr komprimiert dargestellt. Will heißen: zu so zentralen Themen wie dem Reigen oder dem Totentanz sind jeweils nur zwei einleitende Textseiten vorangestellt. Beim Kapitel Solotanz und Tanzpaar in den 1910er bis 1930er Jahren fehlen diese sogar ganz. Und das, obwohl die Autorin – wie es einleitend heißt – den Schwerpunkt der Arbeit genau in eben jener Zeit verortet.
So ist dem Hauptteil der Arbeit ein Einschub über den „Tanz als Motiv für große Künstler des 20. Jahrhunderts“ vorangestellt. Hier wird die Bedeutung des Tanzes für das Oeuvre einiger Protagonisten der Moderne – Matisse, Picasso, Nolde, Kirchner und Beckmann – jeweils in einer halbseitigen Erläuterung vorstellt. Was genau damit bezweckt werden soll, wird nicht verständlich.
Mehr Einheitlichkeit im Aufbau der Arbeit wäre wünschenswert gewesen. Die Kapitel sind an sich nach Motiven, in sich jedoch chronologisch geordnet. Exemplarisch sei hier an dieser Stelle ein kurzer Blick auf das Kapitel Tanz in Ritus und Religion geworfen. Nach den zwei einleitenden Seiten findet man u.a. Bildbeispiele eines Mysterientanzes aus der pompeijanischen Wandmalerei, die Illustration des Tanzes um das goldene Kalb aus Sebastian Brants Narrenschyff und eine Federzeichnung von Isadora Duncans Skythentanz. Wobei es mehr als fraglich ist, ob letztgenannter in diesem Kapitel eine echte Berechtigung hat. Schließlich ist er eine Form des Ausdruckstanzes um 1900, hinter dem andere Intentionen stehen als Ritus und Religion. Bedauerlicherweise hat der Ausdruckstanz – als wichtigste Neuerung der Tanzkultur um 1900! – kein eigenes Kapitel erhalten, weshalb sich Bildbeispiele zu diesem noch in mehreren anderen Kategorien, etwa zum Spanischen Tanz oder dem Schleiertanz finden.
Die Kapitel sind prinzipiell offen gestaltet. Nicht nur beim Ausdruckstanz überschneiden sich Kategorien. So taucht auch ein (jüdischer) Hochzeitstanz im Kapitel Tanz in Ritus und Religion auf und nicht im selbstständigen Kapitel zum Fest- und Hochzeitstanz. Die Kategorien erweisen sich nicht wirklich als konzise und nachvollziehbar.