Wie wurden Sie auf Ihre Thematik aufmerksam?
Durch meinen Produzenten Oliver Stoltz. Er hat gesagt, ich hab da vielleicht was, und mir das Buch geschickt. Wie ich es gelesen hab, hat mir die Emotionalität wahnsinnig imponiert. Aber für mich war das Wichtige nicht das Thema AIDS direkt, sondern was in der Familie passiert und wie ein Mädchen, das gerade 13 Jahre alt ist, mit den ganzen Konflikten klarkommt.
Im Roman ist Chanda 16. Im Film 12. Die Hauptdarstellerin ist 13. Die Verjüngung lässt es sehr unwahrscheinlich erscheinen, dass sie als Kind dies alles bewältigt. Was veranlasste Sie zu der Änderung?
In vielen Ländern ist es sehr unwahrscheinlich, dass Kinder oder Jugendliche, die schon 16 Jahre alt sind, nicht wissen, was in der Gesellschaft los ist. Wir haben verschiedene Familien besucht, wo das genauso war. Dann habe ich nochmal in eine Statistik geguckt. Es waren mindestens 800.000 Kinder, deren Eltern an AIDS gestorben sind. Das ist eine wahnsinnig große Zahl. Im Grunde haben die Kinder keine Wahl. Ein Mädchen, das 14 war, musste mit 11 schon auf ihre Geschwister aufpassen. Da war eine Schwester, die kam einmal die Woche und bringt etwas Essen. Ganz bescheiden. Und eine alte Frau in der Nachbarschaft. Aber das war alles.
Chanda bewältigt fast Übermenschliches und erscheint als eine Art Heiligenfigur. Niemals sieht man sie scheitern.
Es geht nicht um Scheitern, sondern den Glauben, dass man nicht scheitern kann und darf und dass es einen Ausweg gibt. Die Einzige, der die Frage stellt, die keiner stellen will, ist Chanda. Sie ist die mit der Kraft, die sich durch die Geschichte zieht.
Am Ende erlebt die ablehnende Nachbarin eine charakterliche Wende und ein Chor schließt den Film gospelartig. Dies wirkt nicht nur optimistisch, sondern euphemistisch.
Es ist kein realistisches Ende. Das wäre einfach kein Ende gewesen für den Film, wenn die Mutter stirbt. Was danach kommt, hebt sich ab und hat nichts mit einem realistischen Ende der Geschichte mehr zu tun.
Das gibt dem Film die Struktur eines Lehrfilms, der seine Botschaft über die Erzählung und die Charaktere stellt.
Es ist auf keinen Fall ein Lehrstück, und der Schluss ist auch kein Lehrstück. Es ist ein Abschluss der Geschichte, der sich abhebt von der Realität. Man kann ihn so oder so nehmen. Das ist auf jeden Fall wesentlich, glaube ich, für mich, die Menschlichkeit in der Geschichte so auf den Punkt zu bewerten. Dass es eine bessere Welt geben muss. Man kann natürlich aus dem Film rausgehen und denken: Gut, es ist schlimm, es wird immer noch schlimm sein. Aber darum geht es nicht. Es geht um die Möglichkeit, dass es menschliche Veränderungen im Leben geben kann, die das Leben besser machen. Und es ist auch für die Hauptfigur so. Deshalb habe ich diese Entscheidung getroffen für die Geschichte.
Ist es für Sie ein Film mit einer Moral?
Ich würde es nicht als eine Moral bezeichnen. Es ist eine Lebenseinstellung. Ich meine, die amerikanischen Kritiken haben von Frank Capra geredet. Der hat so eine Einstellung in seinen Filmen auch gehabt. Das hat man mit meinem ersten Kinofilm auch in Verbindung gebracht, dass ich diesen Blick auf Geschichten und Gesellschaft hab. Das ist jetzt wieder aufgetaucht. Ich glaube, was moralisch wäre, ist, jetzt zu sagen, wer Schuld hat.