Der Boom der Graphic Novel in Deutschland
19.05.2011
Über die Graphic Novel
Wie ein einfacher Begriff eine ganze Kunstform verändert. Der Spalt zwischen Comic und Graphic Novel ist auch in diesem Jahr ein wenig größer geworden. Von KLAUS SCHIKOWSKI.
Ende November 2010 war es so weit und das Fernsehen (in diesem Fall die Kultursendung Aspekte) rief wieder einmal stolz aus, dass der Comic erwachsen geworden sei. Festmachen wollte man die Überwindung der Kindheit und der Adoleszenz tatsächlich an den Graphic Novels, in diesem Fall waren es Haarmann von Peer Meter und Isabel Kreitz und Castro von Reinhard Kleist (beide Carlsen Verlag) – denen natürlich jedwede Medienpräsenz von ganzem Herzen zu wünschen ist.
Auch wenn der etwas ungelenke Umgang mit dem neuen Begriff vor allem bei fachfremden Beobachtern bisweilen eklatant ausfällt, ist doch der Beweis gegeben, dass der Begriff Graphic Novel ein Phänomen darstellt. Warum sonst öffnet dieser sämtliche Türen, sei es bei den Buchverlagen, beim Buchhandel oder gar beim Feuilleton? Denn 2010 war das Jahr »the Graphic Novel broke« – die Resonanz auf die als Graphic Novels gekennzeichneten Comics war hervorragend und der Reiz solche zu veröffentlichen griff sogar auf einige etablierte und branchenfremde Buchverlage über.
"Haarmann" von Peer Meter und Isabel Kreitz
Neuer Begriff, neues Image
Das Marketinginstrument Graphic Novel hat gegriffen, der Begriff hat seine Aufgabe voll und ganz erfüllt, ähnlich wie es einige Jahre zuvor dem japanischen Comic durch die Abgrenzung mit dem Begriff »Manga« ergangen ist – auch wenn dieser natürlich eine gänzlich andere Käuferschicht eroberte. Doch wo die Abgrenzung beim Manga sehr augenscheinlich war (Comics von hinten nach vorne gelesen), ist eine solche bei der Graphic Novel schon schwieriger. Der Begriff Graphic Novel ist in Deutschland ein diffuses Gemisch aus Form und Inhalt.
Anspruchsvoller als der herkömmliche Comic soll sie sein, die Graphic Novel, mit relevanten Themen und Inhalten. Darüber hinaus etablierte sich eine Abgrenzung durch formale Aspekte. Während sich in den verschiedenen Comic-Kulturen Trägermedien wie das Comic Book (das Heft) oder das Album durchsetzten, soll die Graphic Novel die Befreiung von allen Vorgaben bedeuten. Kleiner soll das Format sein, einem Buch ähnlich und sich im Umfang daran orientieren, wie lange man braucht, um diese spezifische Geschichte zu erzählen.
Das sind also Graphic Novels, neu ist das alles nicht, und viele Neuerscheinungen, die mit diesem Label daherkommen, sind leider schlicht und ergreifend schlechte Comics, da kann vorne draufstehen, was will. Als Qualitätsmerkmal ist dieses Etikett nicht brauchbar und eine Bundesprüfstelle wird es dafür auch so schnell nicht geben. Aber es könnte mit dem Begriff gelingen, was schon lange erhofft wird: ein neues Image für den Comic zu finden. Denn grafische Literatur zu sein, davon hat doch der Comic immer geträumt!
Eine »Quote« für Comics?
In diesem Zusammenhang verändern allein schon die Veröffentlichungen von grafischen Erzählungen bei renommierten Buchverlagen das Image des Comics, auch wenn häufig noch Literaturadaptionen bekannter Werke und Autoren programmatisch ins Programm gehievt werden. Ein durchaus probates Mittel, das aber natürlich nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass eher die Verkäuflichkeit des Produktes im Vordergrund steht als die tatsächliche Auseinandersetzung mit dem für viele Buchverlage fremden Medium. Da ist der Informationsvorsprung, den Comic-Verlage besitzen, natürlich das vielzitierte Zünglein an der Waage. Dort wird demnach auch die Eigenständigkeit der Kunstform, die bei der Adaption nicht per se gegeben ist, betont. Andererseits sorgen die Buchverlage für neue Wettbewerbsbedingungen, es können ganz andere Lizenzsummen aufgerufen werden und ein Wettbieten auf den einen oder anderen Titel hat schon begonnen.
Mit der Graphic Novel kommt also Bewegung in die Verlagslandschaft, zudem polarisiert der Begriff auch innerhalb der kleinen Szene stark. Von den einen wird er kategorisch abgelehnt, diese verweisen bei ihren eigenen »Comic-Romanen« darauf, dass es sich um Comics handelt, die anderen Verlage werden mittlerweile als »Graphic Novel«-Verlage aufgefasst und deren Treiben kritisch, wenn nicht sogar hämisch beäugt.
Besonders albern wird es jedoch, wenn kleinere Verlage von Pressevertretern verlangen, eine »Quote« für Comics einzuführen, damit der normale Comic-Verlag auch einmal etwas mehr Aufmerksamkeit bekommt. Denn Sie ahnen es bereits, auch die schreibende Zunft lässt sich gerne vom Begriff der Graphic Novel umgarnen und schaut bei diesen Veröffentlichungen tatsächlich etwas genauer hin. Dabei gibt es auch ganz wunderbare Comics, nur sind häufig deren genre- und stilbedingte Formelhaftigkeit kein Aushängeschild.
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(1)Jerry Lewis (13)Jerry Spring (0)Tom & Jerry
Globalisierung des Comics
So ist scheinbar mit der Graphic Novel eine neue Lust am Erzählen mit Bildern entstanden, und dass junge Kreative sich dem Medium widmen, ist dankenswert und eine spannende Entwicklung. Diese kommen gerne auch aus Ländern, die bislang noch nicht als traditionelle Comic-Kulturen in Erscheinung getreten sind. Oder sie kommen von den Hochschulen, aus den Bereichen Grafik, Illustration und Design und vermögen dem traditionellen Comic tatsächlich noch etwas Neues zu geben. Es ist zu bezweifeln, ob die Neugierde am grafischen Erzählen auch so groß wäre, wenn sich das Comic-Spektrum ganz auf frankobelgische Alben, amerikanische Hefte mit Superhelden oder Mangas beschränken würde. Nun ist Platz für die Nische, für die Belletristik, für das epische Erzählen mit Bild und Text.
Natürlich wird nicht jede Graphic Novel ein Meilenstein sein, ganz im Gegenteil wird es auch unfassbar schlechte Bände geben oder einfach auch nur Veröffentlichungen unter ökonomischen Gesichtspunkten, aber es verändert sich etwas, der Comic wird nicht erwachsen, nein, er bekommt neue Möglichkeiten aufgezeigt, er ändert die Richtung. Aber diese Veränderungen können mit dem Begriff der Graphic Novel weiterhin nur unzureichend beschrieben werden. Denn eins ist deutlich: Die Globalisierung hat den Comic längst schon erreicht, die Sprachverwirrung nimmt zu.
Anmerkung der Redaktion:
Dieser Text ist eine stark gekürzte, dafür aber überarbeitete Version des Artikels Graphic Novel – Die Globalisierung des Comics, den Klaus Schikowski im aktuellen Comic Report veröffentlicht hat.


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