Willibald Sauerländer: Von Bildern und Menschen. Zu Besuch bei alten und neuen Meistern
19.05.2011
Journalistischer Befreiungsschlag eines Vollblutakademikers
In einem schmalen, aber feinen Band wurden einige der zeitlos schönen Ausstellungsrezensionen von Willibald Sauerländer, die regelmäßig im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erscheinen, zusammengestellt und vom Beck-Verlag herausgegeben. Von STEPHANIE RAPPL
Zwei Fragen stellen sich vor der Lektüre. Erstens: Kann es gut gehen, wenn ein akademischer Kunsthistoriker sich als Feuilletonist versucht? Und zweitens: Ist es nicht völlige Zeitverschwendung, Rezensionen zu Ausstellungen zu lesen, deren Pforten längst geschlossen sind?
Eine Antwort auf die zweite Frage soll am Ende des Textes gefunden werden, die erste Frage hingegen beantwortet Sauerländer selbst in der Einleitung: „Die Aufgabe des feuilletonistischen Chronisten ist es, die unkundige Sensibilität der Ausstellungsbesucher an jene Erinnerungen heranzuführen, die in den alten Artefakten zugleich schlummern und lebendig aus ihnen sprechen. Ich meine, nichts sei dabei hinderlicher als die hochmütige, pharisäische Klage über den Niedergang der traditionellen Bildung.“ Diesem Credo folgend zeigt sich der Tonfall des emeritierten Professors für Kunstgeschichte in den Rezensionen zurückhaltend in Bezug auf die Vermittlung reiner Fakten, zugleich lässt Sauerländer aber immer wieder sein enormes Wissen aufblitzen.
Die Anordnung der Texte entspricht chronologisch den Lebens- bzw. Schaffensdaten der Künstler; mit Duccio beginnt der Rundgang durch insgesamt 22 Ausstellungen im Mittelalter und mit Cindy Sherman endet er in der jüngsten Vergangenheit. Oftmals kommentiert Sauerländer die Veränderungen im internationalen Ausstellungsbetrieb, dessen »Megalomanie« und »Sensationsgier« (vor allem in Bezug auf die Schauen der großen Häuser) bedauert und kritisiert werden.
Duccio die Buoninsegna: Maestà (1308-11)
Mit den alten Meistern auf Du und Du
Am Anfang der Ausstellungsbesprechungen steht die Duccio-Schau in Siena aus dem Jahr 2003. Die fast meditative Bildbeschreibung der Maestà (1308-11) bildet einen spannungsvollen Kontrast zum humorvollen, aber eindeutigen Urteil über das Ausstellungskonzept: »Zu warnen ist vor dem Besuch des oberen Stockwerks mit den pittori ducceschi, also den Nachfolgern. Es gibt auch dort anrührende Tafeln, aber bald fühlt man sich übersättigt von so viel zarter Marienroutine.«
Sein Talent, den Tonfall der jeweiligen Stilrichtung der behandelten Künstler anzugleichen, beweist Sauerländer in der Besprechung der Jan van Eyck-Schau 2002 in Brügge: Tief beeindruckt zeigt er sich von der »fast frostigen Distanz« der van Eyckschen Bildnisse mit ihrer »in sich gekehrten Frömmigkeit«.
Sauerländers Vorliebe für die altniederländische Malerei wird augenscheinlich im Kapitel über Rogier van der Weyden und den Meister von Flémalle (2008, Frankfurt a. M.): Der Untertitel der Kolumne in der SZ lautete Die schönste Altniederländer-Ausstellung seit Jahrzehnten, die einfühlsamen Bildbetrachtungen verraten den begeisterten Kenner. Spätestens hier wird deutlich: In den Rezensionen zeigt Sauerländer sich befreit von der wissenschaftlichen Fessel der Fußnoten und der akademischen Restriktionen in Bezug auf ästhetische Urteile – zugleich rechnet er augenzwinkernd ab mit dem bisweilen »anti-aufklärerische[n] Geschäft« allzu bemühter kunsthistorischer Bildexegese.
Deutliche Antipoden in der Annäherungsweise an die großen Meister bilden die Kapitel zu Raffael und Dürer: Während sich in der Raffael-Rezension die süße Lieblichkeit von den Gemälden auf den Text überträgt und Sauerländer einen Ton anschlägt, der für den an einen nüchtern-sachlichen Tonfall wissenschaftlicher Beschreibungen gewöhnten Leser schwer verdaulich ist, gerät der Kunsthistoriker in Staunen angesichts von Dürers »kühlem, diagnostischem Blick«. Geradezu erfrischend liest dieser Text sich im Vergleich zur vorangehenden Raffael-Schwelgerei, der sich nur in der direkten Konfrontation der Rezensionen in der Buchform nachvollziehen lässt – und gerade aus dieser Zusammenstellung der sonst verstreut und unregelmäßig publizierten Texte bezieht der Band seine unbedingte Daseinsberechtigung.
Bemühte Auseinandersetzung mit moderner Kunst
Über viele durchwegs lesenswerte Stationen wie etwa eine »fragwürdige Schau in Lille«, die sich 2004 zur Aufgabe gemacht hat, »den ganzen (!) Rubens vorzuführen« oder eine 1999 in London gezeigte Ausstellung zum unvermeidlichen Rembrandt arbeiten Sauerländers Rezensionen sich chronologisch vor bis zu den Umbrüchen in der Kunstgeschichte des 19. Jahrhunderts.
Dass dem Kunsthistoriker, dessen Auge an den Werken der Altmeister geschult ist, der Zugang zu jüngeren Kunst deutlich schwerer fällt, zeichnet sich zuerst bei der Konfrontation mit den Kinderbildnissen Renoirs ab, die 1997 in Chicago gezeigt wurden; die frühe Wertschätzung der Amerikaner für die Impressionisten leitet Sauerländer vom Umstand ab, dass jene von »den Vorurteilen der Bildung kaum belastet« waren. Derart frei von den Sehgewohnheiten der Europäer sei es dem amerikanischen Kunstpublikum leichter gefallen, sich auf die kindliche Unbefangenheit von Renoirs Porträts einzulassen – ein sublim formulierter Ausdruck respektvoller Geringschätzung.
Bei allem Ringen um einen persönlichen Zugang zu den Bildwelten der klassischen Moderne bleibt in Sauerländer oftmals ein Gefühl von Distanz und Befremden zurück, besonders deutlich spürbar in den Rezensionen zu Cézanne, Gaugin und Hopper. Deutlich enthusiastischere Töne hingegen werden wieder angeschlagen, wenn es um die von Schmerz und Leid geprägte Bildsprache Frida Kahlos oder um die transzendentale Bildwelt Mark Rothkos geht.
Cindy Sherman: Untitled #228 (1990)
Hoffnungsvoller Ausblick in die »zweite Moderne«
Sehr versöhnlich schließt die Reihe mit einer Rezension zur Cindy Sherman-Ausstellung 2007 in Berlin. Geradezu hymnische Worte findet Sauerländer für das sozialkritische Rollenspiel der Künstlerin, das sie in ihren History Portraits betreibt; die Travestien, in denen Sherman auf ikonographische Bildformeln zurückgreift, beeindrucken den Rezensenten schwer, sein abschließendes Urteil über Shermans manieristische Fotokunst fällt anerkennend und euphorisch aus: »Wenn die Welt total verrückt geworden ist, bleibt nur noch das Gelächter der Narren. Eine wunderbare Ausstellung.«
Abschließend nun also zurück zur eingangs gestellten Frage: Ja, es lohnt sich, die bis zu 25 Jahre alten Rezensionen noch einmal zu lesen. In der Zusammenstellung der Texte entsteht ein sehr persönliches, fast tagebuchartiges Dokument; mehr als in den akademischen Schriften tritt der Kunstbetrachter Sauerländer hervor, der sich stets offenen Auges auf die Konfrontation mit alten und neuen Meistern einlässt. Das Urteil fällt gelegentlich spitzzüngig, scharf sezierend, teils schwärmerisch aus, manchmal ist aus den Texten eine kühle Distanz herauszulesen. Nie fehlt der Ausdruck der Begeisterung, die der Kunsthistoriker für sein Fach hegt – und trotz der Jahrzehnte zurückreichenden Verwurzelung in der »klassischen« Kunstgeschichte blitzt auch in der Konfrontation mit moderner und zeitgenössischer Kunst immer wieder eine mitreißende Faszination auf, die in zweierlei mündet: Der Vorfreude auf den nächsten Ausstellungsbesuch und der Bewunderung für Fachkenntnis und Schreibtalent Willibald Sauerländers.


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