Wir sind was wir sind - ab heute im Kino!
02.06.2011
Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt
Wir sind was wir sind ist die filmische Vision des Symbols der Schlange, die ihren eigenen Schwanz frisst. LIDA BACH beobachtet einen Leichenschmaus der anderen Art.
»Meistens sind sie zerkaut«, berichtet der Leichenausstatter. Dieser jedoch ist ein Prachtexemplar. Stolz hält er seinen Fund den beiden Ermittlern zur Inspektion vor: einen menschlichen Finger. Aus dem Magen der Leiche eines alten Mannes. Schockierend, wie viele Leute sich in der Stadt gegenseitig auffressen, bemerkt er zynisch. Er erfüllt im Leichenschauhaus die gleiche Aufgabe wie die Polizisten für den Staat: die Folgen von Elend und Gewalt zu verdecken. Unter dem geschminkten Leben verbergen sich Ungeheuer, menschliche und soziale.
Nicht das Prinzip Homo homini lupus regiert in der mexikanischen Metropole, in der Jorge Michel Graus verstörende Horrorparabel spielt. Die Gesellschaft ist eine Stufe tiefer gesunken. Liegt Dreck auf dem Boden, wird er gleichgültig weggeräumt. Auch wenn es ein Mensch ist, wie der verwahrloste Alte aus der Pathologie. Abfall für alle – außer für seine Frau Patricia (Carmen Beato) und die drei jugendlichen Kinder. Der älteste Sohn, Alfredo (Francisco Barreiro), soll nun die rituellen Opfer beschaffen, die die Familie zum Fortbestand benötigt: Das Schlachten ist eine Perversion traditioneller Tischsitten, verbunden mit religiösen Zeremonien und Tabus. Eines davon lautet, weder Prostituierte noch Homosexuelle zu verzehren. Selbst die Grausamsten blicken auf andere herab, die sie verachten. Die soziale Verrohung geht einher mit absoluter individueller Unterdrückung. »Es geht nicht um Wollen«, sagt seine Schwester Sabina (Paulina Gaitan) zu Alfredo, den die Rolle des Leittiers überfordert. Tradition ist das Letzte, woran die Familie sich klammert in einer Gesellschaft, die keinerlei Halt gibt.
Henkersmahlzeit
Der Kannibalismus ist überdeutliche Metapher für das Gesellschaftsprinzip von Fressen und Gefressenwerden. Die familiären Reaktionen auf den Tod des Vaters spiegeln nicht Trauer, sondern Existenzangst. Den Gedanken, dass Überleben anders möglich sein könnte, lassen sie nicht zu. Die Befriedigung der eigenen Triebe, Hunger, Lust oder Zorn, hat Vorrang. Die Familienmitglieder provozieren, erniedrigen und manipulieren einander. Die Prostituierten verfolgen die Mörder aus Rache, die Polizeiangestellten, um befördert zu werden. Die gegensätzlichen Gruppen von Respektspersonen und Diskriminierten, Gesetz und Kriminalität, welche sie repräsentieren, eint ihre Skrupellosigkeit. Ein Ermittler fühlt sich geschmeichelt, als die Prostituierten ihm eine Minderjährige, »etwas für Staatsmänner«, anbieten. Eben fantasierte er noch davon, den Präsidenten zu treffen, nun darf er sich selbst wie einer fühlen.
In den schäbigen Straßen und Häuserblocks sind die Hauptfiguren nicht die einzigen Menschenfresser. Beiläufig sieht man Sabina einmal hinter einem Imbissstand stehen, neben dem Soldaten hungrig die angebotene Fleischbrote verzehren. Eine unscheinbarer Moment ähnlich dem in Texas Chainsaw Massacer, der die Figuren beim Kauf von Essen zeigt, von Leatherfaces Verwandten, denen sie später in die Hände fallen. Sinkt Patricia auf einer Kinderrutsche in sich zusammen, symbolisiert ihre Position kindliche Auslieferung. Für sie ist das Spiel aus. Doch dass einer ausscheidet, beendet es nicht.
Die Prostituierten umringen Patricia gleich Treiberameisen, denen ein Fressfeind vorgefallen ist. Die Art ihrer Rache verschluckt die Nacht. Unersättlich ist das Zwielicht von Graus Inszenierung, das die faszinierenden Charaktere vor Mitgefühl und Anteilnahme versteckt, Türen symbolisch hinter ihnen schließt und sie im Zwielicht lauern lässt. Dort späht ihr Raubtierblick weiter nach Beute, geleitet vom Glauben an das Unabänderliche der eigenen Existenz: Somos lo que hay - Wir sind was wir sind.
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