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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 19:53

X-Men: Erste Entscheidung - ab heute im Kino!

09.06.2011

Men and Supermen

Zwischen Ruhe und Zorn läge der wahre Fokus, sagt Charles Xavier (James McAvoy) in X-Men: First Class. Der mit übernatürlichen Geistesfähigkeiten begabte Jugendliche ist einer der jungen Mutant, die in der Kinoadaption der Marvel-Comics zu den X-Men formieren. Zwischen ruhigem Freundschaftsdrama und kindlich-zorniger Action liegt der inszenatorische Fokus, den Regisseur Mathew Vaughn auf ein Mainstream-Publikum richtet. Das Prequel der X-Men-Trilogie besitzt alle Voraussetzungen, um ein großartiger Film zu sein. Vom Resultat war LIDA BACH dennoch enttäuscht.

 

Gute Darsteller, die hintergründige Comic-Vorlage von Jack Kirby und Stan Lee sowie spannende Charaktere reichen nicht aus, um den Geist Bryan Singers, des als Produzenten präsenten Regisseurs der ersten beiden X-Men-Kinofilme, zu vertreiben. Was als Grundstein einer neuen Saga konzipiert schien, reicht nur für ein neues Kapitel der alten. Während der Mutant Erik Lehnsherr (Michael Fassbender), Xaviers späterer Antagonist Magneto, als Kind im KZ einen real gewordenen Alptraum durchlebt, schlummert Xavier in süßen Träumen.

 

Der Kontrast zwischen Konzentrationslager und dem luxuriösen Anwesen, von dem Vaughn auf den darin lebenden Charles Xavier schneidet, zwischen Angst und Ruhe, zwischen Auslieferung und Geborgenheit könnte kaum drastischer sein. Vaughn jedoch springt gleichgültig von einer Sequenz zur nächsten, als sei ihm derartiges Potential eher lästig. Ein bisschen erinnert Charles an eine andere junge Superheldin: Pippi Langstrumpf. Ohne Eltern lebt er augenscheinlich allein, besitzt schier unerschöpflichen Reichtum und übermenschliche Kräfte, wenn auch rein geistig. Charles sagt auch gerne Kinderbuchsätze: »Du musst nie wieder stehlen« oder »Töten wird Dir keinen Frieden bringen«.

 

Lernen fürs (Über-)Leben

Versucht der Plot besonders erwachsen zu sein, wirkt er am naivsten. Selbstverliebt reckt sich die Handlung nach Weltgeschichte und Wissenschaftlichkeit. Die Kuba-Krise ist nur ein paar Teenager-Sprüche Xaviers vom Holocaust entfernt. Wer bei den Nazis Bösartigkeit lieben lernte, kann bei den Kommunisten damit weitermachen. Da jenseits des Eisernen Vorhangs keine Mutanten auftauchen, ist der Kreml auf solche Fremdrekrutierung angewiesen. Von Auschwitz nach Moskau ist es ein kleiner Schritt bei Vaughn, der KZ und SU gleichermaßen oberflächlich zeichnet. Bei den Sowjets prangen Hammer und Sichel selbst auf Pin-up-Kalendern, Altnazis tragen Andenken aus SS-Zeiten herum. Nur der von einem hinreißend durchtriebenen Kevin Bacon verkörperte KZ-Doktor nimmt seinen Hakenkreuzanstecker ab, um von Luxussuite und Yacht aus die Welt zu terrorisieren. Sebastian Shaw (Bacon) gleicht mit Gespielin Emma Frost (January Jones) und Handlanger einem Bond-Schurken-Double, das dank Mutanten-Fähigkeiten selbst seine Superwaffe ist.

 

Der sprunghafte Ortswechsel, der die erste Filmhälfte visuell zum globalen Postkartenpanorama stutzt, das Faible für technische Vehikel, sei es U-Boot, Panzerkreuzer oder Düsenjet, und die 60er-Jahre-Accessoires lassen First Class mehr wie einen nostalgischen Bond-Film wirken, der Coolness und Sex-Appeal durch pubertäre Gefühlswirren und Doppelmoral ersetzt. Während die externe Bedrohung der USA durch den Nazi-Superschurken Shaw und die Eskalation der Kuba-Krise ins Aberwitzige gesteigert wird, werden nationale Konflikte ausgeblendet. Sexuelle Revolution und Bürgerrechtsbewegung existieren in den fiktionalen 60er-Jahren nicht. Rassismus ist unsichtbar, genau wie die dunkelhäutige Storm, die als einzige des Ur-Teams der X-Men nur einen Sekundenauftritt als Kind hat. Kaum länger bleibt der einzige Schwarze der First Class am Leben. Die lateinamerikanische Angel (Zoe Kravitz) wechselt zu den Bösen, wo ihr Landsmann Riptide (Alex Gonzalez) bereits steht.

 

Die Verdrängung des in den Comics prominenten Themenspektrums um Diskriminierung, Ausgrenzung, Einsamkeit und Vorurteilen entspricht der propagierten Moral der Verfilmung, die Selbstverleugnung über Selbstrespekt stellt. Anonymität müsse ihr oberstes Ziel sein, sagt Xavier. Dagegen steht Eriks Überzeugung, dass jene, die von der Norm abweichen, sich nicht verstecken brauchen. Dabei ist das fragwürdige Ideal von Anpassung an die Gesellschaft, Einfügen in vorgefertigte Schemata und Duldsamkeit, das der äußerlich liberale Xavier ebenso doktrinär vertritt wie Erik das seine, keine Option für äußerlich erkennbare Mutanten. Wie in der ersten X-Men-Trilogie wird die Toleranzbotschaft, die den Comic auszeichnet, nur vorgeblich bewahrt, unterschwellig jedoch ins Gegenteil verkehrt.

 

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