Willkommen in der Hölle. Kenfig Hill heißt das winzige Arbeiterstädtchen, doch aus dem Mund des Erzählers hallt das Hill als Hell wieder.Wenn überhaupt ist der triste Ort in einer obskuren Ecke von Wales bekannt für seinen Kohleabbau. Später wird er einmal für Mr. Nice bekannt sein. Das Leben des Titelcharakters und mit ihm Bernard Rose Biopic beginnen in der Hölle der Tristesse, graugefärbt von Alkoholdunst, Fabrikqualm und Rauch. Rauchig klingt auch die Stimme des Erzählers – doch dies hat andere Gründe. Lida Bach erfuhr sie beim Kinobesuch.
Die Stimme aus dem Off gehört Mr. Nice. Das Alias ist nur eines der 43 Pseudonyme einer Persönlichkeit, die so facettenreich wirkt, dass ein einzelner Name ihr nicht gerecht werden kann. Dennis Howard Marks ist der bürgerliche Name, unter dem der unendlich wandlungsfähige legendäre Drogenschmuggler -händler und -konsument (Rhys Ifans) geboren wurde. Der schillernde Film-a-clef, in dem Rose gekonnt mit Wahrheit und Halbwahrheit spielt, nimmt seinen Anfang an einem denkbar farblosen Ort. Das biedere Nachkriegsengland ist nicht schwarz-weiß, sondern grau-in-grau auf dem Elitecollege in Oxford, auf dass es Howard aus seinem Heimatort gebracht hat. Der Rausch über den schulischen Erfolg weicht Ernüchterung. Doch sie wird bald ein neuer, unvergleichlicher Rausch ablösen.
Das Schicksal klopft in Gestalt der jungen Ilze (Elsa Pataky) an Howards Zimmerfenster, um in das Universitätsgebäude zu gelangen. Als neuen Torhüter stellt sie Howard seinen Kommilitonen Ernie (Crispin Glover) und Mac (Christian McKay) vor. Die Worte sind prophetisch, denn nichts anderes wird Howard: zum Hüter der Tore des Palastes der Weisheit, zu dem die Straße des Exzesses führt. Anfangs zögerlich, bald trittsicher beschreitet der junge Oxford-Absolvent den Pfad der Drogen, auf den ihn seine große Liebe Judy (Chloe Sevigny) und seine untrügliche Nase für hochwertiges Dope führen. Kongenial verknüpft Bernhard Roses Drehbuch basierend auf der Autobiografie des Hauptprotagonisten unterschiedliche Spielarten des Drogen-Films, indem er sich ebenso auf den Konsum, das Rauscherlebnis und den Handel konzentriert. Das Resultat ist ein visuell und dramaturgisch gleichermaßen fesselnder Rausch, der nüchterne schwarz-weiß Bilder mit psychedelischer Farbigkeit verbindet und sprühenden Witz mit stiller Tragik.
Dem Überfluss an bedeutsamen Ereignissen während Marks Laufbahn ist selbst der zweistündige Plot kaum gewachsen. Aus Sprunghaftigkeit wird Hektik, während sich Mark mit dem paranoiden IRA-Kämpfer Jim McCann (David Thewlis), dem internationalen Geheimdienst und pakistanischen Cannabis-Händlern verstrickt. Das Karussell von Drogencoup, Flucht und nächstem Coup dreht sich mit jeder Runde schneller, bis selbst Marks darauf schwindelig wird. Ähnlich großzügig wie Marks an den Drogen bedient sich Rose visueller Stilmittel, die mit ihrer inszenatorischen Raffinesse zur Vertiefung der Figuren beitragen. Der optische Kontrast von Stilisierung und Prosaik spiegelt den Gegensatz zwischen Marks Liberalität und den rigiden bürgerlichen Moralvorstellungen.