Baru / Pierre Pelot: Elende Helden
30.06.2011
Eher quälend denn erhellend
Schade um diesen Comic: Der große Zeichner Baru hat mit Elende Helden einen Roman von Pierre Pelot adaptiert – und dessen schlichtes Weltbild in Bilder verwandelt, die mit ihrer visuellen Kraft die Schwächen der Geschichte nur umso deutlicher machen. Von ALEXANER FRANK
Die Katzen bedecken den ganzen Küchenboden, den Tisch, den Herd. Ihre Gesichter sind so düster wie das Grau ihrer Felle und das Halbdunkel des schäbigen Zimmers. Aber der Geruch von Fleisch macht sie lebendig. Sie stürzen sich auf die ihnen hingehaltene Plastiktüte, die knallrot explodiert und einen blutigen Fleck im Panel hinterlässt. Wenn Farbe in die triste Welt der Elenden Helden kommt, dann ist es meist ein aggressives Rot – Blut, Feuer, Explosion.
Rote Flecken
Ein behindertes Kind geht verloren, weil die Betreuerin sich beim Ausflug des Kinderheims mit ihrem Freund vergnügt, statt auf die Gruppe aufzupassen. Dieser Freund ist früher selbst im gleichen Kinderheim gewesen und weiß daher, was kommen muss: Die Leiterin, die schon früher ihn und die anderen Kinder gequält hat, wird die Schuld ganz auf ihre Untergebene abwälzen, obwohl sie seiner Meinung nach die Verantwortung für die unzureichende Beaufsichtigung und andere Missstände hat.
Dass das Kind nicht wieder auftauchen wird, ist eigentlich klar. Es wird von einem verwahrlosten und nicht sehr hellen Typen für einen Außerirdischen gehalten. Dessen kleinkrimineller Freund erkennt zwar die Lage richtig und versucht aus ihr Profit zu schlagen, weiß aber nicht, dass es dafür bereits zu spät ist. Ebenfalls klar ist, wie das Ganze enden muss. Gegen die Verlogenheit und Skrupellosigkeit von denen da oben sind die Elenden Helden da unten machtlos. Es sei denn, sie greifen zum Äußersten. Und so endet die Geschichte mit einem Gewaltexzess und einigen roten Flecken in den Panels.
Einfache Ansichten
Baru nimmt in seinen Comics gerne die Rolle des Chronisten der „einfachen Leute“ ein. Seine Figuren sind zwar Karikaturen mit oft hässlichen Gesichtern, die nicht selten von starken Emotionen zu entstellten Fratzen verzerrt werden. Aber die detailgenauen Hintergründe und die elegante Farbgebung verleihen ihrer Welt und damit auch ihnen selbst eine gewisse Bedeutsamkeit, Gewicht und Würde. Dieses Zusammenspiel funktioniert in vielen Werken Barus sehr gut, Elende Helden macht aber die Grenzen deutlich.
Die Geschichte muss man wohl als Anklage sozialer Missstände sehen, sie will etwas bloßstellen, indem sie zeigt, wie es ist. Aber das verträgt sich nicht ohne Weiteres mit den expressiven Tuschestrichen und den wohlkalkulierten Farbeffekten. In Barus sehr schönem Vierteiler Die Sputnik-Jahre ist das kein Problem, da es einen Erzähler gibt, der in einigen Sequenzen sogar vor die Panels tritt, um diese zu kommentieren. Die Stilisierung und Künstlichkeit der Darstellung erinnern daran, dass wir uns in einer Welt befinden, die jemand für uns auferstehen lässt – vielleicht aus der Vergangenheit, sicher aber auf dem Papier. Diese reflexive Distanz zu sich selbst geht Elende Helden völlig ab. Oder anders gesagt: Dieser Comic nimmt sich selbst zu ernst.

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