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"Summer Surprise" mit Topas & Roxanne und dem Hund Eddie im Stuttgarter Friedrichsbau

17.06.2011

Alles Chimäre

In der Frühzeit des Films strömten die Menschen scharenweise in die Vergnügungsparks, um auf der Leinwand vom Körper abgetrennte Köpfe oder verschwindende Damen zu bestaunen. Heute, da jedes Kleinkind weiß, wie man derlei herstellt, da die Computeranimation noch ganz andere Tricks ermöglicht, kann man damit keinen Hund mehr hinterm Ofen hervorlocken. Auf der Bühne hingegen hat die Zauberkunst überlebt. Von THOMAS ROTHSCHILD

 

Nicht so elegant zwar wie einst, als Herren im Frack den Gentleman mimten, sondern infiziert von der kitschigen Glimmerästhetik der Fernsehshow, aber immer noch unverkennbar in einer Tradition, die weit in die Varieté- und Zirkusgeschichte zurück reicht. Nirgends wird der grundlegende Unterschied zwischen einer leibhaftigen Präsenz im Hier und Jetzt und der reproduzierten Scheinrealität des Films so deutlich wie eben in der Zauberkunst.

 

Ihr Reiz liegt unverändert im Vergnügen, sich täuschen zu lassen, und das wird nur gewährt, wo die Mechanismen der Täuschung nicht so durchschaubar sind wie im Kino. Kein Mensch glaubt ja wirklich, dass der Magier auf der Bühne zaubern könne, dass er übernatürliche Kräfte besitze. Wenn er physikalische Gesetze zu überwinden scheint, indem er seinen Körper verstümmelt und doch wieder heil aus der Affäre herauskommt, indem er Gegenstände oder auch sich selbst im Raum schweben lässt, indem er, anstelle der vertrauten Kaninchen aus dem Zylinder, zehn funktionierende Lautsprecherboxen aus einem Karton holt, der nur eine davon fassen kann, oder einen Hund in Luft auflöst, wie seine Vorgänger Tauben, dann erfreut sich das Publikum an seiner eigenen Unaufmerksamkeit, an seiner Überrumpelung, an der Trägheit seiner Wahrnehmung, deren tiefere Wahrheit lautet: Nichts ist gewiss. Wir können uns auf unsere Sinne nicht verlassen.

 

Diese Täuschung, die heute mehr als früher auf Apparaten als auf Geschicklichkeit beruht, benötigt laternenähnliche Raumkapseln und Parodien von Raumanzügen, um eine Dame wie eh und je zum Verschwinden zu bringen und anderswo, unter einem Tuch, wieder auftauchen zu lassen. Von der Königsdisziplin der Magie, den Kartenkunststücken, ist bei Topas im Sommerprogramm des Friedrichsbaus, des Stuttgarter Pendants zum Frankfurter Tigerpalast und zum Berliner Wintergarten, nichts geblieben. Er benützt die Spielkarten lediglich zur Erzeugung von Geräuschen, die We Will Rock You von Queen, den Gitarren-Riff aus Smoke On The Water von Deep Purple oder Mozarts Papagenoflöte erahnen lassen. Immerhin endet die Nummer mit einem Grundelement, das zur Zauberkunst gehört wie die Arabesque zum Ballett: mit dem Palmieren.

 

»Surprise, surprise?«

Alles muss heute groß sein und auffällig. So wie Topas durch ein Mikroport verunstaltet auftritt, weil die menschliche Stimme, die über Jahrhunderte für die Bühne ausreichte, offenbar als zu klein gilt, so scheinen den Magiern des 21. Jahrhunderts Kugeln, die man zwischen den Fingern vermehrt, Seidentücher, die man verknüpft, oder Papierblumensträuße, die man hinter den Ohren hervorholt, zu klein. Sie eignen sich für eine heutige Show wie Fachwerk für einen Wolkenkratzer. Die Angst vor dem »Altmodischen«, selbst bei einer so altmodischen Angelegenheit wie der Zauberkunst – ist sie nicht etwas verwunderlich, vielleicht sogar eine Fehlspekulation?

 

Wenn man den Erfolg von Max Raabe analysiert, müsste einem das eigentlich zu denken geben. Er beruht ja nicht auf der Nostalgie derer, die noch im Original erlebt haben, was Raabe imitiert. Davon leben nicht mehr viele. Bei Max Raabe ist es vielmehr gerade die künstliche Patina, die amüsiert, eine halb ernst genommene, halb ironisierte Vergangenheit, die mit wachsender Entfernung an Reiz gewonnen hat. Warum also meinen Entertainer, sich den Maßstäben heutiger Popkultur anpassen zu müssen? Rechnen sie tatsächlich nur noch mit einem Publikum, das immer wieder dem Vertrauten begegnen möchte, sich, im Gegensatz zur Ankündigung des Titels zum Programm im Friedrichsbau, nicht überraschen lassen möchte? Dass dieser Titel englisch sein muss, gehört übrigens auch zu den modischen Zutaten. Was hat Summer Surprise, was Sommerüberraschung nicht hat? Sollen wir an das dämliche »Surprise, surprise!« hysterischer Girls in amerikanischen Fernsehserien denken? Danke, wir verzichten.

 

Kennzeichnend für den aktuellen Stand der Magie ist, dass die Tricks in Geschichten eingekleidet werden. Der Zauberkünstler als Entertainer ist zugleich Comedian, und seine attraktive Partnerin Roxanne bedient mit gerundeten Lippen das Klischee von Sinnlichkeit. Die täglichen Proben eines Magiers, verrät Topas, bestehen zunächst aus einfachen Herausforderungen, wie Regen machen oder das ewige Leben, und danach kommen die schwierigen Aufgaben: den DVD-Player auf Winterzeit umstellen. Das passende Bild für eine Sommerüberraschung. Es ist alles Chimäre, aber mich unterhalt's. Sagt Nestroy.

 

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