Shanghai - im Kino!
23.09.2011
Kunstperle statt Kinojuwel
»In Shanghai ändern sich die Dinge schnell«, weiß Paul Soames. Besonders, wenn das Jahr 1941 ist und sich japanische Besatzer und chinesische Resistance in den Straßen bekriegen, noch mehr, wenn man als amerikanischer Agent gegen die Nazis spioniert, am meisten, wenn man dem Unterweltboss das Leben rettet, dessen mysteriöser Frau man verfallen ist, und den Mörder eines Freundes sucht, der die Geliebte eines Botschafters verführt hat. Dann ist Shanghai kein Ort, sondern ein Thriller wie Mikael Hafströms Neo-Noir. LIDA BACH sah ihn im Kino.
Shanghai erinnert an Casablanca. Sein düsterer Krimi ist eine selbstverliebte und detailverliebte Stilübung in cineastischer Nostalgie. Am besten genießt man das gekonnte kleine Verwirrspiel mit der desillusionierten Kühle, mit der Paul auf die intrigierenden, spionierenden, manipulierenden Reigen blickt. Sie alle geben sich freundlich, obwohl ihre Nationen im Krieg liegen. Diplomatie ist gefragt, Verbindlichkeit kann dasLeben retten. Für wie lange – wer weiß? Wie gesagt, in Shanghai ändern sich die Dinge schnell. Aber manche Dinge ändern sich nie. Nicht im Kino.
»Also tat ich, was ich mit einem Puzzle mache. Ich starrte es an bis es Sinn machte.« (Paul Soames)
Der amerikanische Spion ist Soames (John Cusack), der Unterweltboss ist Anthony Lan-Ting (Chow Yun-Fat), die geheimnisvolle Gangstergattin ist die betörende Anna (Gong Li), Soames toter Freund ist Connor (Jeffrey Dean Morgan), der Botschaftsbeauftragte ist Tanaka (Ken Watanabe) und seine Geliebte die opiumsüchtige Sumiko (Rinko Kikuchi). Sie sind die Heiligen und Sünder der letzten Tage: Vor dem Kriegseintritt der Japaner, vor Pearl Harbor und dem Tod.
»Welche Art Männer sind wir?«, fragt Soames einmal. »Romantiker«, erwidert der undurchsichtige Regierungsbeauftragte Tanaka. Nicht das einzige Mal, dass die Dialoge in Shanghai für den Regisseur zu sprechen scheinen. Er möge Geheimnisse, verrät Soames Anna: »Ich sammle sie.« Halström tut es dem Hauptcharakter gleich, dessen Kommentar aus dem Off unablässig wie der Regen auf Shanghai niedergeht. Ein Rätsel nach dem anderen reiht er auf dem Handlungsfaden zu einer hübschen Kette. Dass der stilgerechte Ausflug ins cineastische Hard-Boiled-Genre die überlegenen Vorbilder der 40er und 50er nicht nur zitiert, sondern mit beinahe masochistischer Präzision nachahmt, gleicht das erlesene Quartett asiatischer Darsteller aus.
Dieses Kriminalspiel glänzt als Kunstperle, deren kleine Fehler man verzeiht, weil man von vornherein weiß, dass sie kein echtes Kinojuwel ist. Nur zu gut weiß Halström, dass seine Genre-Referenzen zu unterhaltsam sind, um ihre Summe als die Nachahmung abzutun, die Shanghai im Grunde ist.
Shanghai Serenade
Die Protagonisten spielen mit ihrem Verderben im Casino, wie in The Shanghai Gesture, sie kompromittieren einander wie in Shanghai Express, sie liefern sich rasante Schusswechsel wie in Shanghai Noon und wie in The Lady from Shanghai sind es letztendlich nicht die politischen, sondern emotionalen Verstrickungen, in deren Netz sie gefangen sind. Die Hass-Liebe zwischen Anthony und Anna, der homoerotische Unterton von Soames´ und Connors Freundschaft und das Geflecht aus Eifersucht und physischer Abhängigkeit sind das eigentliche Spannungszentrum der Kriminalromanze, deren politischer Ausgang historisch vorherbestimmt ist. »Das Herz ist niemals neutral«, räsoniert Soames, dessen Kommentar treffend den nostalgischen Charme von Shanghai beschreibt.

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