Doppelsieg von Mainstream und bigotter Moral
Zugepackt hat er bereits, als das Schicksal ihm den altersschwachen Klienten Leo (Burt Young) in die Hände spielte. Der Anwalt lässt sich kurzerhand zum Vormund und Betreuer des wohlhabenden Demenzkranken ernennen, der um keinen Preis ins Altersheim will. Paul hat gute Gründe, Leos Betreuungsfall zu übernehmen, obwohl er dazu weder zeitlich noch praktisch in der Lage ist: 1500 Gründe, die Paul monatlich als Betreuungshonorar überwiesen werden. Paul ist kein Menschenfreund, sondern ein Pragmatiker, dem man seine Kalkulation nur bedingt zum Vorwurf machen kann. Sein Dauerlauf in der Eröffnungsszene ist eine Metapher seiner aussichtslosen beruflichen Hatz. Und die finanzielle Bedrängnis geht ihm zu Herzen – auch im medizinischen Sinne.
Moralisch gleicht Pauls Verhalten dem seiner Antagonistin Cindy (Melanie Lynskey). Leos bisher unauffindbare Tochter ist die Mutter des neuen Starspielers aus Pauls Wrestling-Team: Kyle (Alex Shaffer), der eines Tages vor Leos Tür sitzt. Seine Mutter ist drogensüchtig. Lieber als bei ihr will Alex bei dem Großvater leben, den er bisher nie getroffen hat. Paul vertraut darauf, dass Leos Demenz den Enkel genauso vergraulen wird wie ihn selbst. Doch Alex besucht regelmäßig den alten Mann. Er spielt mit ihm Karten und kocht ihm sogar Spaghetti – in Leos eigener Wohnung, in die er ihn zurückbringt.
Pauls Mauschelei hat Alex durchschaut und die Win-Win-Situation, die Paul mit finanzieller Absicherung durch Leo und Wrestling-Erfolg in Aussicht stand, droht sich aufzulösen. Gegenüber der drogenabhängigen Cindy wird Paul als moralische Instanz dargestellt, obwohl beide nur der soziale Hintergrund unterscheidet. Dass ein unterprivilegiertes Sporttalent wie Alex im Schoß der intakten Mittel- oder Oberschichtfamilie besser aufgehoben sei als daheim, suggerierte bereits Blind Side. Auch wenn sich Win Win durch gute Darsteller und hintersinnigen Humor von dessen reaktionärer Ideologie abhebt, verrät McCarthy seine vorgeblichen liberalen Intentionen.
Hinter der Independent-Fassade verbirgt Win Win Bigotterie und die Akzeptanz eines Sozialdarwinismus, in dem Fürsorge und zwischenmenschliche Bindungen nur soviel wert sind wie der Gewinn, den sie einbringen können. Die Vater-Sohn-Beziehung, die zwischen dem verschlossenen Teenager und seinem Trainer wächst, wirkt emotional noch unglaubwürdiger als die dramatischen Wendungen des zweiten Handlungsakts. Das erzwungene Happy Ending nimmt den Filmtitel ironiefrei beim Wort. Zur Vollendung der Heuchelei fehlt nur der passende Schlusssongt: Everyone´s a winner, baby, that´s no lie. Leider ist es das doch, wenn nicht in Win Win, dann im wahren Leben.
