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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 20:15

The Guard - ab heute im Kino!

22.09.2011

Bad Lieutenant

Manche Probleme lösen sich von selbst, genau wie manche Verbrechen. Alkohol am Steuer, Überschreitung des Geschwindigkeitslimits und Drogenkonsum, verübt von einer Gruppe, die den bornierten Begriff von ›jugendliche Rowdies‹ zu definieren scheint und in einem roten Wagen entlang der irischen Küste rast. Diese erste Szene von John Michael McDonaghs schwarzer Komödie impliziert, dass sie sich auch zahlreicher Vergehen schuldig machen, die weniger klar im Gesetzbuch definiert sind: Landschaftsstörung, Tristesse-Störung, Dorfgemeinschafts-Störung – nur nicht Ruhestörung. Jedenfalls nicht der Ruhe, von The Guard Gerry Boyle. LIDA BACH sah Film und Titelcharakter im Kino.

 

Gerry (Brendan Gleeson) weckt aus seinem Nickerchen erst das Krachen, mit dem der rote Wagen auf eine Mauer prallt. Die Eingangssequenz nimmt emblematisch nicht nur das Thema der kauzigen Kriminalposse vorweg, sondern deren rüden Humor. Wer verschmitzt grinst, während The Guard die Unfalltoten eines nüchternen Blickes würdigt, wird sich amüsieren. Alle übrigen verlassen den Kinosaal besser rasch, bevor Boyle mit seinem jungen Kollegen Aidan (Rory Keenan) kurz darauf eine Leiche findet, deren befremdliches Arrangement einen komplexeren Tathintergrund suggeriert. Verweist die in Blut neben das Mordopfer geschmierte 5 ½ auf Fellinis 8 ½ oder David Finchers Sieben?

 

Cineastischer Surrealismus und ein in der kauzigen Dorfwelt fast absurd wirkender Realismus schleichen sich in Boyles öden Heimatort. Doch Gerry The Guard Boyle ist der Mann, einem Drogenschmuggler-Trio und einem afroamerikanischen FBI-Agenten zugleich zu trotzen. Brendan Gleeson, der in das Porträt des massigen Dorfpolizisten im doppelten Sinne sein ganzes schauspielerisches Gewicht legt, ist es zu verdanken, dass der bizarre Hauptcharakter nicht zur Karikatur absinkt. Die Akteure, allen voran der mit trockener Selbstironie auftretende Mark Strong sowie Liam Cunnigham und Charlie-Manson-Karikatur David Wilmot als Antagonisten, geben dem mythischen Air des ins kühle Connamara entrückten Spätwestern seine eigensinnige dramatische Stärke.

 

Dirty Gerry

Die Atmosphäre, in der sich Kurioses, Burleskes und unsicheres Sentiment vermischen, schenkt der Charakterkomödie mehr Charme als der bisweilen grenzwertige Humor. Der irische Klan der McDonaghs muss einen sechsten Sinn für Humor haben, der, um bei den skurrilen Redewendungen von The Guard zu bleiben, dem Zentrum eines kosmischen Wurmlochs gleicht. Der tiefschwarze alles Umliegende verschlingende Nihilismus von Michael McDonaghs Kinodebüt beherrschte schon Brügge sehen...und sterben seines Bruders Martin. Vielleicht ist diese eigentümliche und eigensinnige Komik auch ein spezielles Charakteristikum der Iren. Als solcher sei Rassismus Teil seiner Kultur, polemisiert Gerry Boyle gegenüber dem FBI-Agenten Wendell Everett (Don Cheadle).

 

Nicht das Äußere zähle, heißt es einmal – sondern das Innere, das einen auffrisst. Dies gilt nicht nur für den Krebs von Gerrys Mutter (Fionnula Flanagan), sondern die verkappte Engstirnigkeit von The Guard. Eine Spur zu selbstgerecht führt die Kriminalsatire den Agenten vor, dessen Professionalität, Intelligenz und Feingefühl ihn zum Gegensatz Boyles machen. Dieser kleine Schritt ist jener, mit dem McDonagh die Grenze des guten Geschmacks überschreitet. Takt bedeutet zu wissen, wie weit man zu weit gehen kann. Der Held trägt seine Unart gleich einer Medaille, die ihn für außergewöhnliche Verdienste verliehen wurde. Dieses Herauskehren der eigenen Stumpfheit enthüllt sich im Lauf der Handlung unfreiwillig als Bigotterie. Indem sie die Beschränktheit der Kleinstädter als das rechte Maß aufstellt, etikettiert sie indirekt Kultiviertheit und Liberalität als verwerflich. Bedankt sich Boyle, nachdem ihn Everrett als einen unkonventionellen Polizisten bezeichnet hat, möchte man dessen Kontra zustimmen: »Das war nicht als Kompliment gemeint!« Jedenfalls nicht als Kompliment ohne Einschränkungen.

 

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