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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 20:19

Midnight in Paris

01.09.2011

Wenn es Nacht wird in Paris

»Nostalgie ist Verdrängung. Ein Makel in der romantischen Fantasie von Menschen, denen es schwer fällt, mit der Gegenwart fertig zu werden«, sagt Paul in Midnight in Paris. Aber Paul ist ein pedantischer Herr, sagt Carla Bruni, die in Woody Allens Romanze eine Touristenführerin spielt. Die Touristen sind Gil Pender, Allen und die Zuschauer; Flaneure auf den Boulevards der Dämmerung, in deren Zwielicht Sehnsucht und Zeit eine bitter-süße amour fou eingehen. LIDA BACH erlag dem filmischen Flirt mit dem Paris der Zwanziger.

 

»Golden-Age-Thinking« nennt Paul (Michael Sheen) das entrückte Ideal, welches Gil (Owen Wilson) von Paris als Kunstmetropole hat. Der Regisseur Gil steckt in einer Lebenskrise, weil er »es nie mit wahrer Literatur versucht hat.« Dabei liebten alle seine Filme, versichert die Mutter von Gils materialistischer Verlobter Inez (Rachel McAdams). Gil aber liebt eine Fantasie von Bohème und Künstlertum einer untergegangenen Epoche, und die Fantasie liebt Gil. So innig, dass sie ihn Schlag Midnight in Paris in ihre Arme und ein seltsam neues altes Taxi lockt.

 

Die Party, zu der Zelda (Alison Pill) und Scott (Tom Hiddleston) unterwegs sind, ist schon lange ausgetanzt. Doch das kümmert Gil nicht, als er Ernest (Corey Stoll) trifft, der das Manuskript, an dem Gil arbeitet, Gertrud (Kathy Bates) zeigen möchte, bei der gerade Pablo zu Gast ist. Über Scott, Ernest, Gertrud und Pablo ist die Zeit hinweggegangen, nicht aber über ihre Werke. All die Nebencharaktere tragen prominente Nachnamen: Fitzgerald, Hemingway, Stein, Picasso. Wer unter ihnen nicht durch Kunst überdauert, klammert sich mit verzweifelter Eifersuchtsliebe an sie wie Zelda, die ihr tragisches Schicksal in einem Stakkato prophezeit: »Verdutzt. Verblüfft. Narkotisiert. Lobotomisiert.«

 

Eine kleine Nachtrevue

Künstler treten in Midnight in Paris in Schwärmen auf. Gil schwärmt für sie und mit ihnen durch die Nacht, geblendet von ihrem Licht, sei es das von Sternen wie T. S. Eliott oder von Glühwürmchen wie des Modells Ariana (Marion Cotillard).

 

In Ariana verliebt sich Gil mit der sentimentalen Nostalgie, mit der er in die Ära vernarrt ist, welche die Künstlermuse für ihn verkörpert. Nostalgie bezeichnet ursprünglich Heimweh, das so schmerzlich ist, dass es einen krank macht. Die Liebe zum Vergangenen entspringt dem Gefühl der Verlorenheit in der eigenen Zeit. Ist das Hier und Jetzt kein zu Hause, muss es das Damals sein, glaubt auch Ariana. Denn die Sternennacht auf dem Kinoplakat ist keine gewöhnliche, sondern die »Sternennacht« Vincent van Goghs. Der erscheint nicht im nächtlichen Paris, dafür aber Henri de Toulouse-Lautrec, Paul Gaugin und Edgar Degas. Zu ihnen hat Gil, Ariana und Allen eine Kutsche gebracht: mitten in die Belle Epoque. Dass diese für jeden Menschen eine andere ist, erkennt da schließlich auch Gil, der die Goldenen Zwanziger genauso idealisiert wie Ariana das Goldene Zeitalter und ihre Idole aus jener Ära die Renaissance

 

Wehmütig und bitter-süß ist der Charme von Allens Romanze, die nicht von der Liebe der Charaktere handelt, sondern der Liebe zu etwas Abstraktem, das mehr Wunschfantasie und Illusion als Historie ist. So weit kann es kommen, wenn ein aspirierender Künstler nicht genug Inspiration hat, um ein Werk von Bedeutung zu schaffen, sei es ein Buch, ein Gemälde, ein Film oder ein Sofa in Form der Lippen Mae Wests. Doch zu Gils Glück muss man der Muse nicht folgen, es reicht von ihr geküsst zu werden – so wie es Allen widerfuhr.

 

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