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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 20:20

Laëtitia Devernay: Applaus

20.07.2011

Freie Entfaltung

Auf neun Metern entfalten sich Laëtitia Devernays Tusche-Bilder. In ihrem Applaus zelebriert die französische Illustratorin neben der Musik den Akt des Faltens als Möglichkeit. Von DANIEL WÜLLNER

 

"Mit einem Quadrat anfangen. Die untere Ecke auf die obere Ecke falten und wieder entfalten." Mit einem simplen Blatt Papier und ein paar kaum nachvollziehbare Anweisungen hat die Kunst des Origami sie in den Wohnzimmern unser Nation etabliert: die Falte. Gefangen in der fixierten Form als Schwan oder Kranich kann die Falte ihr eigentliches Potential aber nicht frei entfalten. Ganz anders hingegen verhält es sich mit Applaus, dem hochformatigen Leporello (14,5 x 33 cm) der Illustratorin Laëtitia Devernay.

 

Das Ende ist der Anfang

Beim normalen Durchblättern erzählt die Französin die Geschichte eines Dirigenten, der sein Konzert hoch auf den Baumwipfeln anstimmt. Die Musik wird weder durch Worte noch durch Farben visualisiert. Wie Blätter vom Baum, lösen sich die Vögel von den Wipfeln und bewegen ihre Schwingen in einer Luftchoreographie. So zeichnen sie eine "un"sichtbare Musik nach. Anstatt durch überbordende Farbpracht vom Thema abzulenken, verwendet Devernay in ihrem stimmigen Bilderbuch chinesische Tusche und drei schlichte Panetonefarben. Das Augenmerk liegt alleine auf dem Vogelflug.

 

Applaus endet nach 132 Seiten und doch bietet die Erzählung hier eine Fortsetzung an, die zyklisch auf ihren eigenen Anfang verweist. Der Wald füllt sich wieder, ein neuer Baum wird gepflanzt; die Musik kann von Neuem beginnen. Devernay ist aber nocht nicht am Ende: Sie hat die letzte Seite nicht mit dem Umschlag verklebt, sondern gibt dem Leser den Freiraum Applaus auf neun Metern auszufalten.

 

Zwar stimmt die komplett ausgefaltete Form des Buches eine ganz andere Musik an, doch lädt die eigentliche Materialität des Buches zum spielerischen Entfalten ein. Denn das Entfalten ist nach dem französischen Philosophen Gilles Deleuze "gewiss nicht das Gegenteil der Falte noch deren Auslöschung, sondern die Kontinuierung oder Ausdehnung ihrer Tat, die Bedingung ihrer Manifestation."

 

Die Möglichkeit der Falte

Das eigentliche Potential der Falte, respektive ihrer Entfaltung, sieht Deleuze eher in der unbegrenzten Möglichkeit, dem stetigen Akt des Werdens. Auch Applaus schwelgt in dieser Möglichkeit, wenn man den Blätterwald erneut durchschreitet und folgender Anweisung folgt: "Eine beliebige Seite aufschlagen, die rechte Buchseite beliebig weit ausfalten und anschließend beliebig viele Falten auf die aufgeschlagene Seite zurückklappen." Im Gegensatz zur finalen Form der Origamitiere, zeigen Devernays Vögel in jeder neuen Variation eine andere Choreographie, stimmen eine andere Luftmusik an.

 

Während beim Origami vielleicht nie ein Kranich aus dem Blatt Papier erwächst, lehrt Applaus den Leser das Ausprobieren. Welch bessere Botschaft kann ein Bilderbuch transportieren, als das es kein "falsch" oder "richtig" gefaltet gibt? Mit Applaus hat Devernay viel mehr als ein ausfaltbares Artefakt geschaffen, sie hat ein Buch gestaltet, das die Möglichkeit der Falte zelebriert.

 

 

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