Das Ende ist der Anfang
Beim normalen Durchblättern erzählt die Französin die Geschichte eines Dirigenten, der sein Konzert hoch auf den Baumwipfeln anstimmt. Die Musik wird weder durch Worte noch durch Farben visualisiert. Wie Blätter vom Baum, lösen sich die Vögel von den Wipfeln und bewegen ihre Schwingen in einer Luftchoreographie. So zeichnen sie eine "un"sichtbare Musik nach. Anstatt durch überbordende Farbpracht vom Thema abzulenken, verwendet Devernay in ihrem stimmigen Bilderbuch chinesische Tusche und drei schlichte Panetonefarben. Das Augenmerk liegt alleine auf dem Vogelflug.
Applaus endet nach 132 Seiten und doch bietet die Erzählung hier eine Fortsetzung an, die zyklisch auf ihren eigenen Anfang verweist. Der Wald füllt sich wieder, ein neuer Baum wird gepflanzt; die Musik kann von Neuem beginnen. Devernay ist aber nocht nicht am Ende: Sie hat die letzte Seite nicht mit dem Umschlag verklebt, sondern gibt dem Leser den Freiraum Applaus auf neun Metern auszufalten.
Zwar stimmt die komplett ausgefaltete Form des Buches eine ganz andere Musik an, doch lädt die eigentliche Materialität des Buches zum spielerischen Entfalten ein. Denn das Entfalten ist nach dem französischen Philosophen Gilles Deleuze "gewiss nicht das Gegenteil der Falte noch deren Auslöschung, sondern die Kontinuierung oder Ausdehnung ihrer Tat, die Bedingung ihrer Manifestation."