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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 20:24

Taste the Waste (D 2011)

15.09.2011

Was vom Teller übrig blieb

»Irgendwie ist es viel schöner als im Supermarkt einkaufen«, finden Robert und Gerhard. Man müsse sich keine Gedanken machen, was man einkauft. Und was abends auf den Tisch kommt, sei immer eine Überraschung. Nicht die beiden Österreicher entscheiden, was sie essen – der Supermarkt entscheide es für sie: durch die Produkte, die er wegwirft. Den Titel Taste the Waste setzen beide in die Tat um: »Das fördert die Kreativität!« Auch die von Valentin Thurn. Der Dokumentarfilmer ging den Mülltonnen einst persönlich auf den Grund. Jahrzehnte später kam er wieder und hatte eine Filmkamera dabei, die nicht nur den Abfall, sondern dessen Produzenten ins Visier nimmt. Was er zu Tage fördert sah LIDA BACH im Kino.

 

»Dumpster Diving« heißt die Form der Selbstversorgung, die zu Beginn der Reportage vorstellt wird. Mit einer gesundheitsfördernden Mischung aus Sport und Abenteuer, wie ein befragter Passant vermutet, hat das Mülltonnentauchen nichts zu tun – auch wenn es Taste the Waste ein wenig so darstellt. Die Restsammler, die Thurn dabei beobachtet, wie sie halb verbrauchte Brotpackungen, Gemüsesäcke und ungeöffnete Flaschen (»Heute brauch' ich nicht mal Olivenöl kaufen.«) aus den Abfallbehältern der Großmärkte fischen, handeln nicht aus Not, sondern aus Protest: »Gegen die totale Entwertung der Lebensmittel« und, so schwingt unterschwellig mit, weil es irgendwie Spaß macht. Letztes markiert den Punkt, an dem die wohlmeinende Dokumentation ihr sozialkritisches Genießbarkeitsdatum überschreitet und selbst ethisch ranzig schmeckt.

 

Globales Wasteland

Lässt er Landwirte und Bauern aus den USA, Deutschland und Kamerun die Absurditäten der Lebensmittelnorm aufzeigen, die Tomatenfarben per Scanner kontrolliert, Kartoffelgröße und Gurkenkrümmung bestimmt, ist Taste the Waste ebenso alarmierend, wie wenn er die systematische Enteignung der Kleinbauern in Drittweltländern anprangert, die von internationalen Großkonzernen zu unterbezahlten Arbeitern auf ihren Plantagen gemacht werden. Die Überflussgesellschaft steht nach den von Müllforschern und Lebensmittelproduzenten erhobenen Fakten mit einem Bein im Dreck und dem anderen auf einer rutschigen Bananenschale. Und selbst die könnte man noch zur Energiegewinnung verwenden, rein biologisch versteht sich. 50 Prozent der Nahrungsmittel werden weggeworfen, allein in Deutschland über 10 Millionen Tonnen im Jahr, deren entweichendes Methangas die Erdatmosphäre zerfrisst.

 

Die Zusammenhänge von Marktwirtschaft, Lebenskosten und Armut, nicht nur in der Dritten Welt, übergeht die ambitionierte Reportage in ihrem naiven Idealismus. Die Lösung liegt scheinbar so nahe auf New Yorker Dachgartenfarmen, in Biogas-Anlagen und den Esstischen der Tafel. Speisereste kann man nicht nur an Schweine verfüttern, so wird impliziert, sondern an sozial Unterprivilegierte. Für die meisten von ihnen ist der Filmtitel Alltagsrealität. Im Discounter kaufen nicht nur Junk-Food-Junkies, sondern Menschen, die finanziell dazu gezwungen sind. Wer die Angebote der Tafel und Sozialläden aus eigener Erfahrung kennt, sortiert die Erdbeerschale mit der matschigen Beere und die Käsepackung mit der kürzesten Haltbarkeitsfrist nicht aus reiner Pingeligkeit aus; weil das Obst meist schon im Regal vor sich hinfault, die unterste Brotscheibe regelmäßig angeschimmelt ist und nach drei Tagen schwarze Käfer aus der Mehltüte krabbeln. Ja, »Dumpster Dining«, zu dem Taste the Waste einlädt, ist eine nette Abwechslung zum Bioladen und Qualitätsgeschäften – für diejenigen, die sich den Einkauf dort leisten können.

 

Und dass man in eine Mülltonne klettert, heißt nicht, dass man sich dort benehmen kann, wie man will. Es gibt Regeln: Nimm nie mehr als du brauchst. Hinterlasse den Müll so sauber, wie du ihn vorfinden möchtest. Die wichtigste Regel verschweigt Thrun: Lass Dich nicht erwischen. Sonst kommt das Dreckdinner die Mülltonnentaucher teuer zu stehen. Einbruch, Diebstahl, Hausfriedensbruch. »Free Food« schreibt Thurns filmischer Appell, dem es bei aller Relevanz und Aktualität zu oft an Transparenz mangelt, in einem Epilog auf einen Müllcontainer. Eine zynische Pointe für alle, die gewohnt sind, mit den Resten der Wohlstandsgesellschaft abgespeist zu werden.

 

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