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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 20:29

Hubert & Kerascoët: Fräulein Rühr-mich-nicht-an 3+4

16.11.2011

Rühr-mich-nicht-an? Zugreifen!

Der neueste Streich von Huberts und Kerascoëts Comic-Reihe Fräulein Rühr-mich-nicht-an ist wieder ein gelungener Hybrid aus spannender Krimi-Unterhaltung und historischem Sittengemälde. Grund genug für CHRISTIAN NEUBERT, die Serie im Auge zu behalten.

 

Zu Beginn des neuen Abenteuers von Fräulein Rühr-mich-nicht-an geleiten Hubert und das Zeichnerteam Kerascoët den Leser wieder dahin, wo sie ihn nach den ersten beiden Bänden der Serie erwartungshungrig zurückgelassen haben: Ins »Pompadour«, jenes Luxusbordell, in das sich Blanche, die Jungfrau im Freudenhaus, begeben hat, um den Mord an ihrer Schwester aufzuklären. Nun möchte sie das Etablissement wieder verlassen. Allerdings sieht sie sich, anders als erwartet, an Knebelverträge gebunden. Anscheinend ist sie dazu verdammt, als Prostituierte in diesem Haus versauern zu müssen.

 

Dazu kommt noch, dass sie als Außenseiterin nach wie vor den Intrigen ihrer Kolleginnen ausgeliefert ist. Nachdem ihre Freundin Annette im letzten Band ein schlimmes Schicksal erleiden musste, hat sie nur noch in Miss Jo eine Bezugsperson. Doch bald sieht es so aus, als ob sich der Wunschtraum einer jeden ihrer Kolleginnen für sie erfüllen würde: Ein charmanter, gutaussehender Herr aus gutem Hause beginnt ein Interesse zu hegen, das über die vereinbarte und bezahlte Zeit mit ihr hinausgeht.

 

Der Märchenprinz

Blanche scheint ihren Märchenprinzen gefunden zu haben: An der Seite von Antoine, der sich prompt mit ihr verloben möchte, unternimmt sie zahlreiche Ausflüge in die schönen Gegenden und feinen Läden von Paris, zu denen ihr der Eintritt bisher verwehrt geblieben ist. Und auch ihre Mutter taucht eines Tages auf, um sich nach dem Wohlbefinden der Tochter zu erkundigen. Blanche verlebt viele glückliche Tage. Doch natürlich, man ahnt es bereits, ist ihr Glück nur von kurzer Dauer.

 

Nicht nur, dass sich ihre Mutter als egoistische Furie entpuppt, die nur an ihrem eigenen Vorteil interessiert ist und es lediglich auf das Geld von Blanche abgesehen hat: Auch die Mutter von Antoine verfolgt ihre eigenen Pläne. Und in denen kommt keine stadtbekannte Prostituierte als Ehefrau für ihren Sohn infrage. So scheint es kein Zufall zu sein, dass Antoine eines Tages nicht mehr aufzufinden ist. Zu allem Unglück geht auch noch eine von ihrer Erzrivalin Holly eingefädelte Verschwörung gegen Blanche auf, weswegen sie die Rache von Monsieur, dem Chef des »Pompadour«, zu befürchten hat. Wer die ersten beiden Bände der Reihe kennt, der weiß, dass Monsieur alles andere als zimperlich vorgeht, wenn etwas nicht so läuft, wie er es vorsieht.

 

Bis dass der Tod uns scheidet

Der Märchenprinz und Bis dass der Tod uns scheidet, die zusammengenommen das neue Abenteuer der Fräulein Rühr-mich-nicht-an-Reihe bilden, warten mit demselben gelungenen Genre-Mix auf, der auch die ersten beiden Bände zu einem hervorragenden Comic-Vergnügen gemacht hat. Erneut geht hier ein spannender Kriminalfall Hand in Hand mit einem Gesellschaftsportrait und einer stimmigen Milieustudie einher. Der neue Fall führt den Leser zwar nicht ganz so weit in die Abgründe menschlicher Perversionen wie der erste, aber eine rabenschwarze Story hat man erneut zu erwarten.

 

Das Wechselbad der Gefühle, das die von Hubert ersonnene Reihe auszeichnet, wird wieder durch fragil wirkende Outlines und eine kräftige Farbgebung getragen. Da der neue Fall die jungfräuliche Heldin aber vermehrt in das Paris außerhalb der Mauern des »Pompadour« führt, halten nun auch Farbtöne in die beiden Bände Einzug, für die Hubert, der das Coloring der Serie selbst in die Hand nimmt, bisher keine Verwendung hatte.

 

Insgesamt bleibt das neue, wieder auf zwei Bände angelegte Abenteuer der Comic-Reihe ein Stück weit hinter dem ersten zurück. Dies ist aber nicht etwaigen narrativen Mängeln geschuldet, sondern schlicht dem grandiosen ersten Auftritt der peitscheschwingenden Rächerin. Spannend und dynamisch erzählt sind die Teile 3 und 4 allemal, und wieder können sie mit einem hervorragend konstruierten Personeninventar und ausgeklügeltem Dialogwitz punkten, der der Tragik der Geschichte ein bitteres Gelächter entgegenhält. Und sie treiben, ohne sich in Wiederholungen zu erschöpfen, die Reihe an sich voran. Man kann nur hoffen, dass Hubert und Kerascoët in nicht allzu ferner Zeit für Nachschub sorgen.

 

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