Die welkende Rose von Kairo
Das Kairo der arabisch-kanadischen Regisseurin atmet etwas von der unergründlichen Lebendigkeit des realen Orts. Das Abenteuer Juliettes und des Zuschauers ist nicht, die oberflächliche Faszination der Exotik auszukosten, sondern sie und mit ihr die verschiedenen kulturellen und persönlichen Wahrnehmungsweisen zu ergründen, die das Exotische als solches erscheinen lassen.
»Mittlerer Osten...« – er habe diese Wendung nie verstanden, sagt Tareq während der ersten Begegnung mit Juliette. »In der Mitte von – wo?« In der Mitte von Schwermut und Begehrlichkeit, von Fremdsein und Geborgenheit, von Nähe und Sehnsucht, dort liegt der Mittlere Osten der bestechenden Szenerie, dort tickt die Cairo Time träge und mitleidslos die Minuten fort. Doch dann zieht Juliettes altes Leben sie wieder in die Arme ihres Mannes.
»Er hat ein gutes Herz«, beschreibt ihn Tareq. Doch dieses Herz ist immer woanders; und nach dem Besuch der Pyramiden mit Mark wird Juliette wieder einsam sein: Die Pyramiden hat sie schon mit Tareq gesehen. Im letzten Moment wird der elegische arabische Gesang weggedreht und ein Pop-Song macht die Atmosphäre im Taxi noch stickiger. Und Juliette ist wieder Touristin. Die Melodie klingt fröhlich, doch der Text sagt: »Things have really changed since I kissed you«. Auch Juliette und Tareq haben sich für immer verändert, ihr Blick auf die Stadt und ihre Leben. Tareqs wird wohl zu Yasmeen (Amina Annabi) führen, seiner Jugendliebe, Juliettes wird an Marks Seite vergehen in bittere Perfektion, unterwandert vom vagen Begehren nach etwas, das hätte sein können und nie war.
Der Ausgang steht von Anbeginn fest. »Hier glauben wir an Schicksal«, erklärt Tareq. Ihr Schicksal ist, einander nie wiederzusehen. Dieses Wissen teilen die Figuren mit dem Zuschauer. Der Reiz der traurigen Romanze ist kein melodramatisches Bangen, sondern besteht aus den exquisiten Darstellern, deren abwägendem Umgarnen sowie dem zartbitteren Beigeschmack des Vergeblichen. »Wer einmal das Wasser des Nils gekostet habe, kehre immer wieder nach Kairo zurück«, lautet eine der fremden Redeweisen. Die Charaktere werden zueinander zurückkehren, wenn auch nur im Geiste. So wie man selbst irgendwann zurückkehren wird zu der unscheinbaren cineastischen Kartusche, die leise, schmerzlich und viel zu rasch verklingt. Dann ist es wieder 88 Minuten lang Zeit für Cairo Time.