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Donnerstag, 24. Mai 2012 | 20:33

Dornröschen - Sleeping Beauty (USA 1959)

06.10.2011

Schlafende Schönheit

Warum so melancholisch? Eine wunderbare Zukunft wartet auf dich – bestimmt zum Helden eines zauberhaften wahren Märchens – und die von ihrer wahren Liebe träumende Prinzessin Aurora, dasselbe Bauernmädchen, die erst gestern das Herz unseres noblen Prinzen gewonnen hat. Sonnengoldenes Haar, Lippen rot wie Rosen, ruht sie in alterslosem Schlummer, doch hundert Jahre sind nur ein Tag für ein standhaftes Herz. Und nun reitet unser Prinz auf seinem edlen Ross in ritterlicher Gestalt, um seine Liebste mit »der Liebe erstem Kuss« zu wecken und zu beweisen, dass »wahre Liebe« alles besiegt. Von LIDA BACH.

 

Ha ha ha ha! Das Hohnlachen ist unerlässlich. Ohne es wäre die böse Fee Maleficient, die Disneys Sleeping Beauty kongenial zusammenfasst, nicht die heimtückischste der Disney-Schurken und Dornröschen nicht der bemerkenswerteste Film der klassischen Prinzessinnen-Trilogie. Mag Schneewittchen die bekannteste und Cinderella die populärste der Disney-Prinzessinnen sein – Aurora aus Sleeping Beauty ist die vollkommene. Weniger als Aurora in ihren nur 18 Minuten Filmzeit spricht unter den Disney-Helden nur der stumme Dumbo. Die Titelfigur des 1959 erschienenen Zeichentrickfilms vereint die weiblichen Ideale von Passivität und Alterslosigkeit in einem Wesen, unpersönlich wie die ihr den Spitznamen gebende Pflanze: Briar Rose.

 

»Yes, I know it is true that visions are seldom all they seem...« (Prinzessin Aurora)

Prinzessin Aurora ist die Quintessenz der Traumgebilde, die sich zu Walt Disneys Traum von ideeller Weiblichkeit verweben. Mit seiner künstlerischen Ausdruckskraft und Stilisierung hebt sich Sleeping Beauty von Schneewittchens Lieblichkeit und Cinderellas Pastellfarben ebenso ab wie durch die ephemere Hauptfigur. Wesenlos und heiligengleich scheint Aurora der mittelalterlichen Ikonenmalerei entsprungen, die als zeichnerische Inspiration dienten, und wie auf gotischen Gemälden ist das Infernalische eindrücklicher als das Ätherische. Die mächtigste Erschafferin von Träumen und zentrale Figur von Sleeping Beauty ist Maleficient. In traumwandlerischer Trance lässt sie Aurora in das Turmzimmer mit der Spindel gehen, und verhöhnt den Prinzen mit einer Angstvision, die das Kernthema des Dornröschen-Stoffs parodiert.

 

Grausamer als sie ihre Feinde verspottet, wird Maleficient selbst vom Schicksal verhöhnt. Ihr Zorn ist Rache für ihren Ausschluss aus der Taufgesellschaft, welche symbolisch für die soziale Gemeinschaft steht. Die kollektive Vorverurteilung vermittelt die Unterhaltung der geladenen Feen, die sie als finster und gefährlich charakterisiert. Während die guten Feen in Farbigkeit und Farbstreitereien schwelgen, tritt Maleficient in Schwarz auf. Ihre kränklich-fahle Hautfarbe, ein Totenvogel als Haustier und die an Teufelshörner erinnernde Kopfbedeckung machen die selbsterklärte ›Misstress of all Evil‹ zum Sinnbild des Aurora zugedachten Todes, der von den guten Feen in einen Scheintod abgewandelt wird. Der Zauberschlaf, der sich über das Königreich legt, verfliegt in der Filmhandlung zum Augenblick verkürzt im doppelten Sinne wie in einem Traum, der einzig für Aurora andauert.

 

Ihr Leben ist ein Traum – das Erwachen würde sie umbringen. In eine Fantasiewelt wächst sie unter der Obhut der Feen auf. Aus einem Traum glaubt der Prinz ihre Stimme zu hören, als sie Once upon a Dream singt; ein Lied, über ihren Traum von der Begegnung mit der wahren Liebe, die in Gestalt des Prinzen wiederum durch den Gesang angelockt wird. Sleeping Beautys Träume sind selbst erfüllende Prophezeiungen, eingebettet in das sich mit ihnen ebenfalls selbst affirmierende Märchenschema. Dessen Titel benennt nicht die Hauptfigur, sondern deren bedeutendste Eigenschaften: Untrennbar miteinander verbunden ist der Schlaf als Konservator der Schönheit Auroras Hauptmerkmal. In völliger Passivität ist sie das perfekte Schauobjekt, ein unveränderliches Idol, das gleich einer Reliquie in keuscher »wahrer Liebe« geküsst wird. Ihr scheinbares Erwachen ist ein wortloses Schlafwandeln, in dem sich ihr Wunschtraum erfüllt »einst in einem Traum« mit ihrem Liebsten zu wandeln. Der Zuschauer selbst ist zugleich einbezogen und ausgeschlossen aus der Traumwelt, deren morbider Reiz erstickende Repression verbirgt.

 

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